Augstein

Ein Antisemit? Solange das Teströhrchen in der Apotheke noch nicht käuflich ist – reinpinkeln und wenn es sich braun verfärbt ist der Proband Antisemit – äußere ich mich nicht. Augstein ist aber auf jeden Fall so eine Art männliche Ulrike Meinhof (vor dem Terror): er will der linke Star-Kolumnist sein und muss zwanghaft alles noch einmal genauso durchdeklinieren, wie es Generationen von Linken vor ihm getan haben.

„Links“ ist für ihn eine Art Fetischismus, alles kreist darum. Aber  er will ein großbürgerlicher Linker sein, eine Lebensform, die ja auch Meinhof eine zeitlang mit ihrem Blankenese-Kommunismus ausprobierte. Auf einer Parteiversammlung der „Linken“ würde dieser „Linke“ nicht glücklich werden – das geht wohl jedem Menschen so, der bis drei zählen kann. Insofern ist Augstein eine Art Lifestyle-Linker.

Er findet allerdings im wesentlichen alles genauso beschissen, wie die Partei-„Linke“: Demokratie: alles nur formal, eine Täuschung. Die Macht hat das Kapital. Kapitalismus: scheisse. USA: scheisse. Terror: eine Erfindung der Mächtigen, um von ihren Schweinereien abzulenken. Usw. usf.

Aber in dieser Weise Linkssein, geht halt nur als Parodie mit zwei Travestiekünstlerm: Augstein und Fleischhauer.

Deshalb ist das ganze bei SPON verpackt als ewiger Dualismus, als lustiges Zitat der 60er- und 70er-Jahre, als es tatsächlich noch so was gab wie „Sozifresser“, die halt einfach und ohne Begründung „die Roten“ nicht mögen und „Salonlinke“, die gegenhalten: den Sozifresser spielt Fleischhauer, den anderen Augstein.

Im Fernsehen wird der Sozifresser von Blome gegeben. Interessant, dass Augstein vor allem im Rahmen dieser Doppelpacks in Erscheinung tritt.

Insofern ist „Augstein“ eine Kunstfigur. Eine Kunstfigur, die mit ihren Co-Parodisten Konfliktlinien der 60er und 70er Jahre nachstellt.

Der Titel „Im Zweifel links“, ein Zitat, mit dem Rudolf die Positionierung des Spiegels beschrieb, ist halt das Problem: wer Zeifel hat, hat eben Zweifel. Sich dann  automatisch aus dem Arsenal linker Meinungen der letzten 60 Jahre zu bedienen, führt halt dann in die Irre.

Wenn also Grass „von rechts“ (Springer) kritisiert wird, ja, dann muss ein Linker eben dagegenhalten: eine heile Konflikt-Welt der 60er Jahre, in die der linke Starkolumnist da hineingeraten ist. Aber Retro kommt halt gut an.

Evtl. ist Augstein ein Opfer dieser Idee von sich selbst. Wer immer neu Nachlegen muss beim Erstellen eigentlich gut abgehangener linker Thesen, wer immer dramatischer mit Edelfeder-Geschwurbel formulieren muss, denn für öde Pressemeldungen desselben Inhalts gibt es ja schon die Linkspartei, ja, der denkt wirklich, dass Günter Grass seine Fieberfantasien stellvertretend für uns hat aufschreiben müssen, um uns zu befreien.

So wie Jesus für unsere Sünden gebüßt hat. Bei Augstein ist Grass eine Art Jesus der Meinungsfreiheit: „Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen“. Amen.

Was für ein Kitsch, was für eine Übertreibung, was für ein – Quatsch. Kann es sein, dass, wenn einer eben vor allem Quatsch schreibt, das über Israel eben auch vor allem erst mal eins ist: Quatsch? Quatsch, der eben auch deshalb entseht, weil einer als Kunstfigur „Augstein“ gegen den ewigen Counterpart, den „Sozifresser“ anschreiben muss?

Solange der Röhrchen-Test nicht zu haben ist, sollte es bei dieser Feststellung bleiben.

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Neu. Kauft es. Es ist gut.

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Die „Spannend“-Ideologie – Dummdeutsch und Gehirnwäsche

Gespräch auf einer Party: „Ich finde Akademikerarbeitslosigkeit spannend“. Gespräch in der Zeitung: „Ich habe es immer spannend gefunden, die Verhältnisse zu ändern“. Ankündigung im SWR-Fernsehen zu einer Reportage über die Talstrasse in Altleinigen: „In den 40 Häusern haben sich spannende Lebensentwürfe versammelt: Die sozial engagierte Rentnerin, die Besitzerin eines Swingerclubs oder der Antiquitätenhändler.“

Und jetzt sind auch noch Scheidungen nicht etwa negativ, unangenehm oder traurig: „Die Söhne fänden die neue Situation spannend, hätten aber auch begriffen, was sie bedeute, so Suding.“ Katja Suding, FDP-Vorsteherin in Hamburg gibt so ihre Scheidung bekannt.

Kapieren sie das? Was ist los mit dem guten, alten, deutschen Wort „spannend“, das bisher für Edgar-Wallace-Filme oder Elfmeterschießen zwischen Deutschland und England reserviert war?

Spannend ist heutzutage so ziemlich alles. Das Wort scheint aus dem Vernissagen-Milieu herausgerutscht und in allgemeiner Dummdeutsch-Verbreitung überall hineingeraten zu sein. Wahrend irgendwelche Ausstelllungen schon länger und allzeit, wenn schon sonst nichts, „spannend“ sind, daran hatte man sich gewöhnt, so hat das Wort seitdem eine ungeheure Karriere hingelegt.

Natürlich gehört das Wort zu dem allgemeinen esoterischen Aufblasen von Banalitäten mittels Angeberwörter.

Was ist jetzt genau an einer „sozial engagierten Rentnerin“ spannend, oder an einer Swinger-Club-Betreiberin gar? Hier scheint das Wort irgendwie das Wort „non-konform“ ersetzen zu sollen. Und aus der Sicht eines SWR-Redakteurs, der überall und gerade im Kleinen, Dörflichen, Banalen immer das unerwartet Originelle sucht, ist halt ein Antiquitätenhändler auf dem Dorf schon „spannend“, was wohl vor allem aussagt, dass sein eigenes Lebend – wir bleiben im Wortfeld – extrem „unspannend“ ist.

Aber da ist noch mehr. Das Wort „spannend“ ist Dreh – und Angelpunkt der „Krise-als-Chance“-Ideologie. Da, wo jeder kleine oder große Schicksalsschlag oder eine persönliche Niederlage nicht einfach schlimm oder traurig oder wenigstens gemein, sondern – natürlich – „spannend“ ist, so wird das Wort jetzt vornehmlich eingesetzt, da gibt es nichts Negatives mehr, da wird alles eingeebnet.

Akademikerarbeitslosigkeit „spannend“? Zunächst mal ist die einfach scheisse, niederschmetternd, beunruhigend. Dass die sogenannten Betroffenen selbstverständlich versuchen müssen, das Beste draus zu machen, versteht sich von selbst.

Das Wort „spannend“ ist der neueste Beleg dafür, wie sich Psycho-Esoterik-Sprache in das allgemeine Reden einschleicht und eine unangenehme Ideolgie verbreitet.

Natürlich ist das in erster Linie Dummdeutsch. Aber irgendwie ist es auch schon eine kleine Gehirnwäsche.

Den Kindern von Katja Suding wünsche ich in ihrer neuen „spannenden Situation“ schon mal viel Spaß, so wie vielen anderen Millionen Kindern, die schon in dieser tollen, „spannenden“ Situation waren.

Ich bin gespannt, ob Katja Suding sich einen neuen Partner mit „spannendem Lebensentwurf“ besorgt. Vielleicht einen „sozial engagierten Rentner“ aus Altleinigen?

Es bleibt spannend.

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Auf dem Hügel

Ende Mai 2002 war der so genannte Spotterhügel am Flughafen Tegel, wo man einen guten Blick auf die Landebahn 08 hat, die einzige pro-amerikanische Enklave Berlins. Während in der Mitte der Hauptstadt durchgeknallte Deutsche sich mit „Bush=Hitler“-Plakaten für den kommenden Staatsbesuch rüsteten, standen auf dem Hügel, der eingeklemmt zwischen dem ADAC-Testgelände und der Rue Ambroise Pare im Franzosenviertel liegt, freudig gestimmte Männer mit langen Teleobjektiven. Es waren „Planespotter“ – Männer, die am Flughafen stehen, um Maschinen zu fotografieren. George W. Bushs Besuch am 22.5.2002 und die Tage davor, das war ihre Zeit: Die Funkscanner hatten sie auf die Frequenz Tegel-Arrival (119,625 Megahertz) oder Tegel-Tower (118,700 Megahertz) eingestellt, um ja keinen Sprachfetzen zu verpassen, wenn die Air Force One die Begleitflugzeuge mit Berlin, mit Tegel, letztlich also mit ihnen Funkkontakt aufnehmen würde.
Zunächst waren, Bushs logistische Bugwelle, zwei Lockheed C-5 Galaxy nach Tegel gekommen, Transportmaschinen, die den Hubschrauber Marine One und die Limousinen des Präsidenten nach Tegel gebracht hatten. Das schrille Pfeifen der Triebwerke, der Sound des Kalten Krieges, löste bei den sonst schweigenden Männern Begeisterung aus. Vielleicht lebte hier auf dem Hügel unbewusst und in kollektiver Erinnerung so etwas wie die Westberliner Amerikabegeisterung weiter, die sonst in der Stadt spätestens seit 1968 versiegt war.
Wäre George Bush auf der Landebahn 08 aus seiner Boeing 747 gestiegen, und hätte „Ich bin ein Berliner“ gesagt – hier am Spotterhügel wäre der einzige Ort Berlins gewesen, so sie ihm zugejubelt hätten. Doch am Besuchstag stand der Secret Service statt der Tegel-Jungs auf dem Hügel und genoss die Aussicht.
Die Männer mit den langen Objektiven sind ja an vielen Flughäfen der Welt, um Jets zu fotografieren. Aber in Tegel war das Ganze immer gepaart mit einer Hingabe, in der die Situation der eingemauerten Stadt und ein der daraus resultierende Minderwertigkeitskomplex nachwirkt: hier landen ja, trotz des Weltstadtanspruchs, bis heute eher kleine Flugzeuge. Und Tegel ist ja trotz des genialen Tricks das längste Terminal der Welt implantiert bekommen zu haben (man kann endlos im Kreis gehen) ein kleiner Flughafen.
Kommt hier aber mal was Großes an, dann ist der Berliner da. Als die Lufthansa im Herbst vorletzten Jahres zeitweise die Boeing 747 als Zubringer nach Frankfurt einsetzte, standen die Spotter frühmorgens auf. Sie bestiegen das Einkaufszentrum „Der Clou“ am Kurt-Schumacher-Platz in der Einflugschneise in Reinickendorf. Dort oben ist ein Parkplatz mit exzellenten Fotografiermöglichkeiten. Ich traf dort mal einen Mann, der in Tegel auf dem Vorfeld arbeitete. Selbst in seiner Freizeit wollte er nicht auf den Flugzeuglärm verzichten. Vielleicht ist die Verehrung des Flugzeugs als Symbol der Freiheit wirklich ein spätes Westberliner Erbe und Tegel ist seine Huldigungsstätte.

Erschien am Sonntag zusammen mit anderen Abschiedstexten in der FAS unter dem Titel „Adieu, Tegel“

 

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Warten auf Godot in Burkina Faso

Wer weißt uns nur jetzt den Weg , da Wulff weg ist?

In Burkina Faso kennt man das inzwischen: das Armeeorchester hat die deutsche Hymne eingeübt. Der rote Teppich ist bestellt. Die schwarzen Anzüge sind gebürstet. Präsident Blaise Compaoré hat ein paar Brocken Deutsch eingeübt. Und wer nicht kommt, ist das deutsche Staatsoberhaupt. Weil der Amtsinhaber im Nichts verschwunden ist.
2010, kurz nachdem er zurücktrat, hätte eigentlich Horst Köhler auf Staatsbesuch in der ostafrikanischen Republik vorbeischauen wollen. Und am 26. Februar sollte sich Bundespräsident Wulff nach Ouagadougou aufmachen.
Daraus wird jetzt nichts. Es sei denn, der amtierende 30-Tage-Präsident Horst Seehofer schiebt den Staatsbesuch zwischen Koalitionsgesprächen in Berlin und der Besichtigung bayerscher Wirtschaftsstandorte ein.
Was denkt man sich so in Burkina Faso, einem Land, das sich ein Präsidialsystem nach französischem Vorbild gegeben hat? Man denkt vielleicht: was haben eigentlich diese Deutschen da für einen komischen Präsidenten, der absolut nichts zu sagen hat, durch eine ominöse „Macht des Wortes“ wirken soll statt mit harten Entscheidungen und trotz seiner politischen Ohnmacht seit Wochen gejagt wurde?
Man reibt sich nicht nur in Afrika die Augen angesichts der Auflösungserscheinungen eines Amtes, auf das die Deutschen, machtskeptisch wie sie sich gern geben, immer so stolz waren.
Die Illusion der angeblich moralisch definierten Präsidentenmacht, die in der Sphäre des Politischen, in der nur eine harte Währung gilt, nämlich Entscheidungsbefugnis, wirken soll, ist uns in den letzten Wochen endgültig deutlich geworden.
Das lag natürlich an der ungeheuren Mediokrität des Mannes, der es ausfüllen sollte und der sich mit dem Amt seinen Aufsteigertraum erfüllte.
Das lag aber auch daran, dass dieses Amt – jedenfalls so definiert wie in den letzten Jahren – unmöglich geworden ist.
Die ganze Affäre Wulff hat uns deutlich gemacht, dass der staatspolitische Kitsch eines wortgewaltigen Mannes, der dem Land in ständigen pastoralen Ansprachen den Weg weist, reiner Unsinn ist. Und diese Idee ist darüber hinaus eine Medienerfindung.
Die Funktion des Bundespräsidenten ist – neben den wenigen verfassungsrechtlichen Befugnissen – reine Repräsentation. Er tritt bei Jubiläen auf, tröstet Angehörige von Katastrophen (oder wie zuletzt Hinterbliebene der schlimmen Nazi-Mordserie) er schüttelt Hände und sieht gut aus.
Ausnahmen, und davon gibt es wenige wie Weizsäckers 8.-Mai-Rede, bestätigen die Regel.
Die Idee, der Bundespräsident müsse dem Land „Orientierung“ geben und „moralische Instanz“ sein ist eine Polit-Romantik von Leuten, die tief in sich drinnen den traditionellen deutschen Anti-Parteien-Reflex verspüren. Sie sitzen vor allem in den Redaktionen und dort wurde diese angeblich unerläßliche Funktion des Bundespräsidenten auch erfunden.
Keiner kann in einer pluralistischen Republik, es sei denn in schlimmsten Krisenzeiten, wo eine Rede viel bewirken kann (allerdings auch nur, wenn man Churchill oder Kennedy heißt) dem Land mit der großen, alles erklärenden Rede moralische Anleitung geben.
Keiner. Wulff hätte es nicht gekonnt, auch ohne seine Affäre. Und der mögliche Nachfolger wird es auch nicht können. Weil es unmöglich ist.
Die Krise um das Amt gibt uns die Möglichkeit, endlich wieder auf den Teppich zu kommen, und endlich mit dem Politikkitsch und der seltsamen Sehnsucht nach „moralischen Instanzen“ Schluss zu machen.
Ein Wulff ohne staatsanwaltliche Ermittlungen im Nacken hätte weitermachen können. Als Händeschüttler, Repräsentant unseres Staates mit hübscher, junger Frau an seiner Seite. als Mann, der ein auf das menschliche Maß reduziertes Amt durchaus angemessen ausgefüllt hätte. Das ging tatsächlich nicht mehr. Ein Schaden, eine Staatskrise gar, ist das nicht.
Es geht jetzt weiter wie zuvor. Ein Neuer wird kommen. Und bald wird wieder das Gerede von der ausbleibenden, wegweisenden Moralrede losgehen.
Und in Burkina Faso wundert man sich über diese seltsamen Deutschen und dem komischen Präsidentenamt, das keine Macht hat und von dem trotzdem so viel erwartet wird, wie von sonst keinem.

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Gaddafi – eine Obsession des deutschen Extremismus

Rechte wie Linke – alle fanden mal den Oberst gut

Erst war er Prophet des Panarabismus und wollte in dieser Funktion Erbe Nassers werden. Doch für die Araber war die vielbeschworene Einheit immer nur Lippenbekenntnis gewesen, eine Sprechblase. Sie waren vielmehr der Meinung Ronald Reagans, der den Oberst einmal als „verrückten Hund“ bezeichnet hatte. Als Gaddafi das rausfand, hängte er sich, wenn er seine Hermann-Göring-Uniform nicht trug afrikanische Gewänder um. Oder das, was er dafür hielt. Er wollte nunmehr als Anführer des schwarzen Kontinents in die Geschichte eingehen. Ebenfalls ohne Erfolg.

Erfolg hatte er dafür vorhersehbar in einem notorisch verwirrten Milieu, das bis dato noch jeden Diktator gefeiert hatte, wenn er nur zwei Kriterien erfüllte: er sollte möglichst aus der „Dritten Welt“, mindestens aber aus der „Zweiten“ stammen und „Anti-Imperialist“ sein.
1982, Mao war schon längst out, Luise Rinsers legendäre Nordkorea-Reise, nach der sie das totalitäre Land als Mustersozialismus gefeiert hatte, war auch ein paar Jahre her und Albaniens Enver Hoxha war ebenfalls besungen – da fuhr eine grüne Delegation nach Tripolis. Der neue Held: Gaddafi.
Mit dabei: Otto Schily und der „Friedensforscher“ Alfred Mechtersheimer, der später ins braune Milieu abdriftete und angeblich eine zeitlang, wie viele andere, sogar finanziell von Gaddafi profitierte.

Wenn man heute über diese Reise liest (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14340873.html), wird einem der Irrsinn des mäandernen, immer und überall Halt suchenden deutschen Extremismus vor Augen geführt.

Die Grünen, damals noch mit der Frage befasst, ob es nicht doch etwas besseres gäbe als die schnöde bürgerliche parlamentarische Demokratie waren angefixt von Gaddafis Mao-Bibel, dem „Grünen Buch“. Darin hatte der „Wüstendenker“ („Der Spiegel“) geschrieben:

„Ein Parlament ist eine Mißrepräsentation des Volkes“ und „parlamentarische Regierungen sind eine irreführende Lösung des Demokratieproblems“.

Das fand auch die Grüne Gertrud Schilling: „Die Grünen haben sich zum Ziel gesetzt, die Parlamente abzuschaffen, das heißt, direkte Demokratie zu praktizieren.“

Während Schily Gaddafi reserviert gegenüber trat, insbesondere dessen Angebot ablehnte, die deutsche Friedensbewegung zu finanzieren, fühlte sich Mechtersheimer in seiner selbstzugeschriebenen Rolle bestätigt „Sensibilitäten zu wecken. Wir müssen mit den arabischen Kräften zusammenarbeiten“.

Die Gaddafi-Connection deutscher Extremisten könnte ein Lehrstück über die Wahrhaftigkeit der „Totalitarismus“-These sein. Denn nicht nur Linke wurden von Gaddafi angezogen, sondern auch Rechte – durch die gleichen Gaddafi-Thesen und Aktivitäten. Gemeinsamer Nenner: offene (rechts) oder verkappte (grün-links) Faszination für totalitäre Herrschaftsformen, antiwestliche und antiamerikanische Ressentiments.

Dass Gaddafi grundsätzlich wurscht war, ob der, den er unterstützte „links“ oder „rechts“ war, ein Phänomen, das auch beim „Carlos“-Terror deutlich wurde, zeigte sich schon daran, dass er 1982 frankistische Putschisten in Spanien unterstützt hatte

(http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13519150.html)

In den Achtzigern unterstützte Gaddafi das nationalrevolutionäre braune Blatt „wir selbst“, in dem der rechtsgewendete (oder sich treu gebliebene?) Mechtersheimer schrieb.

Das ist lange her. Oder doch nicht? Unter den Gaddafi-Fans gab es immer welche, die unter dem Motto „Antiimperialismus“ und Antiamerikanismus für die unheimliche Kompatibilität und die Anfälligkeit ganz Linker für ganz Rechts mit braunen Einsprengeseln standen. Und einer – mindestens – ist übrig geblieben.

Man weiss nicht, was Jürgen Elsässer heute, prominentester Vertreter des rotbraunen Anti-Westlertums angesichts des Todes des großen Anführers des Antiimperialismus heute macht – trägt er schwarz?

Am 21. April schrieb Elsässer in seinem Blog: „Libyen verteidigen heißt JETZT Gaddafi unterstützen!

Gaddafi – das war eben, wie Mao, Kim Jong-Il oder vorher Ho Chi Minh die Geschichte einer wirren, romantisierenden, sehr deutschen Geisteshaltung.

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Die Kulturkampf-Parodie

Papst Benedikt in Deutschland – eine der selten gewordenen Möglichkeiten für die Protagonisten beider Seiten, ihr Profil zu schärfen. Und eine Minderheitenveranstaltung: Die meisten Deutschen interessiert der Besuch gar nicht.

Im Zusammenhang mit dem Thema Plebiszit hat der Historiker Heinrich August Winkler vor einer „Herrschaft aktivistischer Minderheiten“ gewarnt, die, gut organisiert, die Themensetzung bestimmen.

Wir haben die „Herrschaft der aktivistischen Minderheit“ schon bei Stuttgart 21 erlebt – wahrscheinlich. Das wird ja in einem Volksentscheid, der übrigens eine rechtlich irrelevante Fragestellung zum Inhalt hat und der von dieser hysterisierten Gruppe erzwungen wurde, ja in Kürze geklärt.

Jetzt erleben wir die aktivistische Minderheit wieder: laut Forsa halten 86 Prozent der Befragten die Deutschlandreise Joseph Ratzingers vom 22. bis zum 25. September für eher unwichtig oder überhaupt nicht wichtig. Selbst unter den Katholiken hält sich der Anteil derjenigen, die den Besuch aus dem Vatikan für wichtig halten, mit lediglich 36 Prozent in Grenzen:

Dennoch beherrscht das Thema Papstbesuch die gedruckten und sendenden Medien. Von Spiegel und Stern bis hin zu „Hart aber Fair“.

Die „aktivistische Minderheit“ besteht aus zwei scheinbar antagonistischen Gruppen, die sich ähnlicher sind als sie glauben und die voneinander profitieren, ja nahezu wie Pech und Schwefel aneinanderkleben:

radikalen Papst- und Kirchengegnern mit bekannten Thesen auf der einen Seite und einem neochristlichen Milieu auf der anderen Seite.

Die jetzt medial ausgetragene Schlacht Pro und Contra Papst entspringt nicht einer von der Mehrheit der Deutschen empfundenen Notwendigkeit, sie entspringt ausschließlich dem Bedürfnis der Protagonisten, sich über den Papstbesuch lautstark zu entzweien, in der medialen Klopperei das narzistische Ego zu stärken und sich so etwas wie eine klar abgrenzbare lebensweltliche Identität einzureden. Dadurch hat der Glaube gleichzeitig eine mediale Präsenz, die er im realen Leben der überwältigenden Mehrheit der Bundesbürger seit Jahrzehnten nicht mehr hat. Alle gewinnen also.

Das Bedürfnis beider Seiten ist nachvollziehbar: einer Partei, die sich nicht mal darauf einigen kann, ob der Mauerbau Unrecht war, bietet der Papstbesuch zum Beispiel die seltene Gelegenheit, im Bundestag mit theatralischer Geste des Auszugs im gemeinsamen Feindbild Einigkeit zu demonstrieren und einen „Reaktionär“ zu boykottieren – der Boykott Israels hatte sich sogar in diesem Milieu überraschenderweise nicht als identitätsstiftend herausgestellt.

Die Protagonisten der Neochristen hingegen haben sich einer zumeist harmlosen, sich antimodern und rebellisch gebenden, in Wahrheit aber topmodernen Kritik des „Zeitgeistes“ und des „Relativismus“ verschrieben – ohne zumeist im Traum daran zu denken wirklich mit einem katholischen Lebensstil ernst zu machen.

Ein anderer Teil dieses Milieus zieht aus der freiwilligen Selbstbeschränkung des harten Katholizismus einen romantischen, schwärmerischen Impuls – es ist kein Wunder, dass viele dieser Protagonisten sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen haben („Generation Benedikt“) mit vielen Charakteristika, die schon frühere Jugendbewegungen ausmachten: Star-Anschmachterei, die Idee einer von der Mehrheit unverstandenen und diskriminierten Minderheit anzugehören, Ablehnung eines „Mainstream“, Avantgarde- Bewusstsein. Auch das: topmodern und keineswegs „wider den Zeitgeist“, wie viele „Benedikt“-Vertreter unablässig behaupten. Sondern ganz im Gegenteil: es gibt kaum etwas, das in Talkshows gefragter wäre.

Auch das Ankämpfen gegen eine angeblich verkommene, sinnentleerte Moderne, die „keine Moral mehr hat“ („Benedikt“-Aktivistin Reinhild Rössler im Deutschlandfunk) gehörte schon zur Grundausstattung früherer Jugendbewegungen.

Die Demoskopie widerlegt Woche um Woche zwar die These vom Werteverfall – aber leider vergeblich. Die Behauptung vom Werteverfall begleitet die Moderne, seit es sie gibt.

Für Papstfans wie –gegner gibt es eine schlechte Nachricht: aufgerundete 100 Prozent der Deutschen interessiert der Trubel nicht.

Die Parodie eines Kulturkampfes, die wir gerade erleben, letztlich auch die Harmlosigkeit der verbalen Klopperei, macht uns klar, dass wir in Wahrheit in einem befriedeten, weil säkularisierten Land leben: kein Katholik setzt in den Talkshows seine körperliche Unversehrtheit aufs Spiel, weil er den Papst verehrt.

Und gerade deshalb muss man auch daran denken, dass in anderen Ländern das eine Tatsache ist, was hier nur theatralisch aufgeführt wird: Religion als todernste Angelegenheit.

Der Papst kommt als Oberhaupt einer Kirche, führt uns aber die Vorteile des Säkularismus vor Augen.

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