Russland – oder: jämmerlich, jämmerlicher, deutsches Bürgertum

Ich habe in den letzten Wochen wenig Neues über Russland und Putin, dafür umso mehr über die jämmerliche geistige Verfassung des deutschen Bürgertums erfahren.

Man sollte meinen, dass es in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft einige unhinterfragbare Standards geben sollte: zum Beispiel, dass imperiales Gehabe im 21. Jahrhundert tabu ist.

Man fragt sich, ob die – erzwungene – Westbindung eine glückliche, aber eben letztlich eine Episode war.

Nichts ist gelernt, nichts abrufbar. Die Aufarbeitung der deutschen Geschichte lautet: wehret den Anfängen. Und das heißt: Faschisten in der Regierung der Ukraine.

Das ist die Quintessenz aus 70 Jahre Aufarbeitung deutscher Geschichte.

Kann man dieses Land eigentlich ernst nehmen, ich meine wirklich für voll?

Sind eigentlich alle infiziert vom Streetworker-Syndrom: niedrigschwellige Gesprächsangebote, der wilde Kerl will nur Liebe?

Am schlimmsten ist das Geraune des deutschen Bildungsbürgertums über jahrhundertealte historische Einflusszonen, die verletzt worden seien. Das, was man sieht gibt’s gar nicht, es gibt eine tiefere Wahrheit hinter dem Offensichtlichen, die zu erkennen nur Professoren für osteuropäische Geschichte oder Weltreisende mit Stammeslagerfeuererfahrung wie Peter Scholl-Latour zu erkennen in der Lage sind.

Hier wird das rationalisierte Beziehungsgeflecht der Diplomatie ersetzt durch Kategorien wie Gefühl, verletzter Männerstolz, angebliche Provokation.

Außer Kraft gesetzt: Regeln.

Auch schlimm – es passt vieles zusammen: Neostalinisten wie Sahra Wagenknecht, die einfach nicht anders können, als die ruhmreichen Taten der Roten Armee gegen „Faschisten“ zu bejubeln und die kulturpessimistischen Geschichtsphilosophierer aus dem alten Konservatismus der alten Bundesrepublik.

Obwohl: wundert einen das? Die waren immer schon geheime Verbündete, wenn es gegen die USA und „westliche Dekadenz“ ging.

Ich glaube bei letzteren, sie waren ja auch immer Fans von Carl Schmitt und Ernst Jünger. Putin: ein echter Mann immerhin. Schluss mit der westlichen Dekadenz, der Schwäche, der „Überzivilisierung“.

Das ist wohl eine Konstante der „westlichen Dekadenz“: Selbsthass und Bewunderung für archaische Stammesgesellschaften. Im Paten 2 sagt Al Pacino zu seiner Frau: Es gibt unabänderliche Regeln zwischen Mann und Frau. Die waren immer so und werden immer so sein.

Putin und Pate, ein ab- und zu bemühter Vergleich: passt.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass wir ja gleichzeitig bombardiert werden mit den Stinkbomben eines Krawallmilieus (Mattussek, und diese Bulgarin, die das Onanieren und die künstliche Befruchtung verbieten will).

Sie langweilen sich. Liberal ist auserzählt. Sie phantasieren sich in eine Rolle der Verfolgten.

Angeblich ist die freie Gesellschaft die Diktatur (These von der „Political Correctness“).

Unfassbar, wie viele das glauben.

Fanden Adorno/Horkheimer das nicht auch?

Und während sich Kommentatoren des liberalen Bürgertums sich seitenweise an diesen PR-affinen Krawallmachern abarbeiten und ihnen damit auf den Leim gehen, schweigen dieselben Leute, wenn wirklich einmal in Ansätzen „Faschismus“ zu analysieren wäre.

Denn Putins Methode ist nichts anderes als die von den Faschisten (genauer: den Nationalsozialisten) erprobte Strategie.

Hillary hatte recht (und ist deshalb „Holocaust“-Relativiererin, wehret den Anfängen).

Nein, bei diesem deutschen Bürgertum gehen zuverlässig nur dann die Alarmglocken an, wenn es garantiert nichts zum kämpfen gibt, sondern nur dann, wenn irgendwelche Neurotiker einen Kulturkampf lostreten, weil ihnen langweilig ist.

Es fällt übrigens auf: Russland ist der verletzte Mann. Ehre. Demütigung. Verlorene Stärke.

Interessant: Alice Schwarzer versteht das. Sehr gut sogar.

Als es um den muslimischen Mann ging, war das noch anders.

Denn all das erinnert ja sehr an die Attribute, die dem verletzten muslimischen Mann zugeschrieben wurden („die arabische Strasse“) und die ihn dazu brachten – bringen mussten – ins World Trade Center zu fliegen.

Es ist exakt dieselbe Argumentation. Untergegangenes Weltreich, vom Westen gedemütigt, vorrückende westliche Stützpunkte, heilige nationale Erde.

Keine Talkshows mehr, keine Diskussion. Es ist zu deprimierend.

„Der Westen ist innerlich schwach“, schrieb Al Qaeida.

Putin denkt genauso. Und langsam glaube ich: er hat recht.

Man muss übrigens nicht lange raten, von wem er bejubelt wird: dem anderen grossen Gedemütigten des 21. Jahrhunderts, der „arabischen Strasse“.

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Eine Antwort zu Russland – oder: jämmerlich, jämmerlicher, deutsches Bürgertum

  1. caruso schreibt:

    Habe den Blog gerade gefunden. Ja, ich denke sehr ähnlich. Der Westen ist innerlich schwach. Wie
    auch soll es anders sein, wenn ein Großteil der sogenannten Intellektuellen alles hinuntermacht, was
    der Westen für die ganze Welt brachte? Er brachte natürlich auch viel Schlimmes, das zu bestreiten
    wäre mehr als dumm. Aber nur des Westen hat bis jetzt die Größe aufgebracht das zu erkennen und, soweit möglich, mehr oder weniger, in Ordnung zu bringen.
    lg
    caruso

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