Die Logistik-Sieger

Die Idee, Deutschland habe sich seinen Stolz abgewöhnt, ja das Wort und sein Inhalt seien Tabu, war immer eine Lüge. Früher war nur alles angenehmer. Helmut Schmidt zum Beispiel etablierte die Bundesrepublik als unverhohlen stolzen Wunderknaben des globalgesteuerten ökonomischen Krisenmanagements mit ihm, Helmut Schmidt als Privatdozent, der gern mal bei Jimmy Carter vorbeischaute, um diesem in stundenlangen Vorträgen Nachhilfe in Sachen Inflationsbekämpfung und Terms of Trade zu geben – Carter ist heute noch traumatisiert. Aber: das Ganze hatte Unterhaltungswert und sonst war ja nicht viel los mit der Bundesrepublik.

Was danach aus dem bescheidenen Land kam war allerdings sehr viel unangenehmer, denn jetzt ging es erst richtig los.

Ungefähr seit den achtziger Jahren heisst der Exportartikel aus der Bundesrepublik: Moralische Unterweisung.

Wer so musterknabenhaft seine Vergangenheit bewältigt hat, der erteilt am liebsten vor allem den USA und Israel Unterricht in Sachen Weltbefriedung.

Anzuführen sind hier das Schlagwort „Friedensmacht Deutschland“ und – natürlich – das Wirken des Pfeifenmannes Günter Grass. Zu dem Komplex ist alles gesagt.

Nun will ich auf ein weiteres Kapitel hinaus, es ist ein alter Mythos, der gerade neu belebt wird: das gute, alte Organisationstalent der Deutschen. Und darauf sind wir nun wirklich stolz. Erst recht, wenn es mit dem Aktivposten „Friedensmacht“ so wunderbar kombiniert werden kann:

Deutschlandfunk, Samstag, 18. Mai 2013. In einem Bericht aus Trabzon kommt ein deutscher Offizier zu Wort, der gar nicht mehr aufhört mit dem Schwärmen: in Trabzon, Türkei, ein Ort, den man bisher höchstens als Sitz eines Fussballvereins kannte, hat die Bundeswehr ein Zwischenlager aufgeschlagen für den Abtransport von Material aus Afghanistan.

Und so schwelgte der deutsche Offizier minutenlang über die bisherigen und kommenden Meisterleistungen des Unterfangens Abzug aus Afghanistan (es ist die größte Materialbewegung, die die Bundeswehr je gesehen hat):

Dass man streng darauf achte, dass nichts kaputt geht, schließlich sei das alles Steuerzahlergeld, wie geschickt man die lückenlose Transportkette organisiere, wie gut man mit den Türken und den Ukrainern zusammenarbeite (letztere stellen die großen Antonow-Transportflugzeuge bereit), wie gering man den Zeitaufwand halte, dass auch die türkischen Händler vor Ort von der deutschen Kaufkraft profitieren, kurzum:

es war eine Hymne auf eine Armee, die ist wie das Land, aus dem sie kommt. Gut organisiert, rücksichtsvoll, sanft. Und stolz wie Bolle, nur anders als früher.

Nun ist es so, dass es natürlich einen zivilisatorischen Fortschritt darstellt, wenn eine deutsche Armee Weltmeister im Abzug, statt wie einst, Großmeister im Einfallen und Unterjochen und Morden ist.

Und dennoch beschlich mich ein seltsames Gefühl. Keineswegs hätte ich es vor Jahren als sprachlichen Ausrutscher angesehen zu sagen, ich wünsche der Bundeswehr nichts anderes als den Sieg über die Menschenschlächter von den Taliban. Es wäre ein Sieg für die Menschlichkeit gewesen.

Ja, Sieg. Und keineswegs würde ich behaupten, die Bundeswehr hätte das stemmen können, war sie doch nur eingebunden in eine Gesamtstrategie, und im Einsatz an einem Ort, der im Kräftefeld von Mächten steht, die stärker sind als Armeen – man denke nur an den Einfluss Pakistan und Irans und Russlands.

Ebenso möchte ich keinesfalls bekritteln, dass deutsche Soldaten sich freuen, aus dem Schlamassel Afghanistan rauszukommen.

Allerdings: bin ich der einzige, den ein seltsamers Gefühl beschleicht, angesichts der Tatsache dass eine Armee so unverhohlen stolz auf die logistischen Meisterleistungen des Abzugs ist, während das Land, das sie zurückläßt in Kürze wieder in die Hände der Menschenschlächter von den Taliban fallen wird, die sich nicht scheuen werden Bundeswehr-Hilfskräfte wie z.b. afghanische Übersetzer, massenhaft zu meucheln?

Die Rede des Offiziers, der sich als unangefochtener Abzugs-Sieger inszenierte war skurril, unpassend, seltsam.

Nein. Wir sind ein stolzes Land. Wir können nicht anders.

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