Die Anti-Moderne und ihre Rampensäue

Es gibt keine Moderne ohne Anti-Moderne. Ob Burschenschaftler, Hippies, Runen-Anbeter, Selbstversorger, Wandervögel, Aussteiger – oder eben der Katholik Martin Lohmann, der einfach mal so in unsere hippe Zeit hineinsagt: „Die Sache mit der Selbstentscheidung der Frau ist ja vielschichtig.“

Gäbe es die Verweigerer nicht, man müsste sie erfinden.

Denn sie sorgen für die Schärfung dessen, um das sich alles dreht: Identität. Und zwar auf beiden Seiten.

Die liberal sich gebende Mittelschichtsgesellschaft versichert sich beim Vermöbeln der in die Talkshows abgesandten Radikalinskis (meistens von der katholischen Kirche) ihrer Liberalität.

Und die Radikalinskis selbst ziehen aus der Tatsache in der absoluten Minderheit zu sein, ja nicht etwa den Schluss falsch zu liegen – im Gegenteil: gerade in der Minderheit zu sein ist für sie Beleg dafür, die schwer zu erkennende absolute Wahrheit erfasst zu haben, den anderen also etwas voraus zu haben.

Die Psychologie der Radikalen ist ja gerade auf absoluten Minderheitenstatus ausgerichtet – alles andere würde ihr elitäres Sebstbild stören.

Aktuelles Beispiel:

Martin Lohmann ist bekanntlich der Meinung, dass auch durch eine Vergewaltigung gezeugte Kinder von den Vergewaltigten auszutragen seien. Denn das Naturrecht auf Leben gelte für jedes Ungeborene, egal, wie es entstanden ist.

Solche Art von Radikalität und absoluter Kompromisslosigkeit gibt Lohmann in einer Gesellschaft, die geradezu auf Abwägung und Kompromiss aufgebaut ist sicher das wohlige Gefühl, die letzte Bastion gegen den Untergang zu sein.

Diese Meinung ist natürlich ein Glücksfall für jede Talkshow, den zum Beispiel der Moderator Markus Lanz in einer, über die bisher schon schlimme Schleimhaftigkeit hinausweisende Art benutzte, um ein Grundsatzreferat zu Menschlichkeit, Kirche und die Würde der Frau zu halten.

Lohmann wird durch diese Sache die eigene Meinung gestärkt sehen: „Mainstream-Medien“ und „liberal-dekadente“ Gesellschaft samt „Kultur des Todes“ (oder wie man auch immer das in diesen Kreisen nennt) verweigern sich Gottes Wille.

Und Lanz vereinte hinter sich das Studiopublikum stellvertretend für jene Mittelschichtsgesellschaft, die sich so der Idee von sich selbst, aufgeklärt und liberal zu sein, vergewisserte.

Das Ganze ist natürlich nur Schattenboxen.

Der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung ist es völlig schnuppe, was ein achtzigjähriger als Hobby-Gynäkologe sich betätigender Greis, der sich Kardinal zu Köln nennt, zu Foetus-Einnistung, Spermien, Eizellen und Gebährmutterschleimhaut zu sagen hat.

Und so geht Lohmann in seiner Ablehnung der Moderne frisch gestärkt wieder zu seiner Sekte, Lanz zum nächsten Aufreger-Thema auf Sendung und alles läuft so weiter wie bisher in einer Gesellschaft, die sich seit Jahrzehnten liberalisiert und dies auch weiter tun wird – nur eben ab- und zu ein bisschen Krawall braucht, weil’s sonst arg langweilig wird.

Der nächste schräge Vogel, der nächste Lohmann kommt bestimmt.

Und es wird wieder genauso egal sein.

P.S. Man hat natürlich die Uhr danach stellen können, wann in Bezug auf Lohmann der Begriff „politisch inkorrekt“, fallen würde: die „Welt“ tat uns gestern den Gefallen und so steht der Mann, der in 24 Stunden in zwei Talkshows vor geschätzten 10-20 Millionen Menschen frei seine Thesen vortragen durfte inszwischen als Opfer düsterer Meinungsfreiheits-Verhinderer und linker Kartelle, als Geprügelter da.

Wie man auf sowas kommt? Nein, ich weiss es nicht, ich weiss es wirklich nicht, helft mir, ich kapier’s nicht mehr.

Es ist ein Wahn.

So unterdrückt und nicht-respektiert wie Herr Lohmann möchte ich auch mal sein, dass ich in zwei der wichtigsten Talkshows sitze und Millionen von Menschen frei meine Meinung mitteile.

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3 Antworten zu Die Anti-Moderne und ihre Rampensäue

  1. Johannes schreibt:

    Danke fuer diesen Kommentar, der sehr praezise die Stupiditaet beschreibt, nach der eine „Debatte“ nach der naechsten abgewickelt wird! Am Ende haben sich alle ihrer selbst versichert und es geht weiter „as usual“.
    Mir sind zwei Bemerkungen aufgefallen, die ich meinerseits kommentieren moechte:
    – Lohmann, der lediglich einen Fluegel der katholischen Kirche repraesentiert, gibt vieles von sich, ueber das sich ein Studiopublikum echauffieren koennte. Allein die Feststellung, dass „Selbstentscheidung“ ein vielschichtiges Phaenomen sei, ist jedoch eher trivial als skandaloes: Zum einen betrifft die Entscheidung fuer oder wider eine Abtreibung nicht nur die Person der Frau (schon gar nicht nur ihren Bauch, wie gelegentlich suggeriert), sondern auch den Partner/Vater, das ungeborene Kind, den Rest der Familie, letztlich unsere Gesellschaft. Zum anderen ist unstrittig, dass die Freiheit der Entscheidung eingeschraenkt ist durch finanzielle Zwaenge, gesellschaftliche und soziale Erwartungen, womoeglich gar Beeinflussung durch den Arzt.
    – Dass ein „achtzigjähriger als Hobby-Gynäkologe sich betätigender Greis“ das Wort erhebt, wenn es um Regeln fuer den Umgang mit ungeborenem Leben geht, empoert viele Diskutanten. Koennte es nicht sein, dass ein gut informierter Kardinal (dessen Wertesystem man nicht teilen muss) vielleicht ein geeigneterer Gespraechspartner ist als ein gleichgueltiger, mindestens ebenso fachfremder Bundestagsabgeordneter, der sich einfach nur als Stimmvieh bereithaelt?

    • Jost Kaiser schreibt:

      ich stimme ihnen da nicht in allem zu. nur ein beispiel: stimmvieh? bundestagsabgeordnete sind in einer repräsentativen demokratie wichtiger als kardinäle, weil sie demokratisch legitimiert sind. der kardinal bewegt sich m sog. „vorpolitischen raum“, in dem auch alle anderen teilnehmer der öffentlichen meinungsbildung (dgb, adac, amnesty usw. usf) agieren. klar darf er da teilnehmen, so laut wie er mag, zu themen, die ihm belieben. aber er steht da nicht höher als andere. und das letzte wort bei uns hat die politik.

      bei lohmans wort von der „selbstentscheidung“ ging es mir eher um die skurrilität der wörter – denn entscheidungen sind tatsächlich komplex und finden nicht im luftleeren raum statt. daher ist das gar nicht so trivial: wir alle werden ja beeinflusst usw. komplex, in der tat. aber lohmann hat sich ja nur dahinter versteckt:
      er kennt ja in dieser frage gar keine freie entscheidung: die steht ja vorher fest.

      • Johannes schreibt:

        Verzeihung, den polemischen Ausdruck „Stimmvieh“ sollte ich nicht ohne Anfuehrungszeichen gebrauchen, denn ich will nicht unsere Parlamentarier verunglimpfen. Ich bezog mich auf das nicht selten zu beobachtende Missverhaeltnis zwischen der Macht der Abgeodneten und deren Willen zur qualifizierten eigenen Meinung. Regelmaessig werden in wichtigen Fragen politische Entscheidungen getroffen, ohne dass eine angemessene Debatte stattgefunden haette. Bei medizinethischen Themen (ganz zu schweigen etwa von der Rettungsschirmpolitik) ist das nicht untypisch, zumal die Zusammenhaenge nicht bequem zugaenglich sind. Der freie, nur seinem Gewissen verpflichtete Abgeordnete degradiert sich in solchen Faellen zur Verfuegungsmasse der Parteispitze – doch zum Glueck gibt es auch die Sternstunden in unseren Parlamenten.

        Die Stimme des Kardinals zu einem medizinethischen Thema (die Beschaeftigung damit ist nicht nur sein „Hobby“) steht im (vor-)politischen Diskurs natuerlich nicht hoeher als die Stimme anderer. Aber er sollte an seinen Argumenten gemessen werden, nicht an seinem Alter. Wer ihn als achzigjaehrigen Greis einfach abtut, der beschaedigt seine eigene Argumentation und das waere doch schade!

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