Deutschland/Israel

Aus der Psychotherapie ist ein Phänomen bekannt: Lösungsvorschläge für eine bessere Beziehung zu sich selbst werden als Gefahr gesehen. Ebenso die Selbsterkenntnis, dass man doch normaler ist als man glaubt. Denn dann müsste man von dem ablassen, was längst Inhalt des Lebens geworden ist: sich an den immer gleichen Themen abzuarbeiten. Es würde die große Leere drohen. Horror Vacui.

So ähnlich ist das wohl auch im ewigen deutschen Selbstgespräch: die Frage, was darf man gegen Israel sagen, dieses unvermeidliche Epizentrum deutscher Selbsterforschung darf nicht wegfallen. Denn damit würde ein Großteil deutscher Identität verschwinden.

Die größte Angst der Deutschen ist die Idee, doch normal zu sein. Jedenfalls auch nicht schlimmer als andere. Man hat sich so daran gewöhnt, als Land der „Sonderwege“ besondere Aufmerksamkeit zu bekommen, als Dauerpsychiatriepatient der Weltgeschichte, dass man den Zustand des Neurosengeheilten als Abstieg empfinden würde.

Das Problem ist, dass das längst eingetreten ist.

Es ist alles Tip-Top, wenn es um Deutsche und Juden und Israelis geht: die journalistische Praxis präsentiert – ausser bei ein paar Freaks – seit Jahrzehnten den Stand, der angeblich so schwer zu erreichen ist und berichtet – entgegen anderslautenden Meldungen –  äußerst kritisch, zumeist ohne Untertöne.

Die deutsch-israelischen Beziehungen könnten besser nicht sein, sind allerdings, wie der der Politologe sagt, ein „Elitenprojekt“. Aber was in der Politik ist letzlich nicht ein „Elitenprojekt“, gehasst als Macke „derer da oben“?

Trotzdem wird die aktuelle Diskussion wieder mit einem biblischen Ernst und bedeutungsschwangeren Ton geführt, als würde die ganze Welt zuhören, den Atem anhalten und sich den Kopf zermartern, was da wieder los ist in Deutschland.

Insofern hat das SWC einen Riesenfehler gemacht: es hat mit seiner Liste das manische Aufmerksamkeitssyndrom der Deutschen bedient, der Idee, man sei vielleicht doch wenigstens im Gestörtsein Top Ten in der Welt, neue Nahrung gegeben.

Schlechte Nachricht für alle Deutschland-Neurotiker: das ist nicht so. Die Welt hat andere Probleme und andere Interessensgebiete, wenn es um Deutschland geht.

Das letzte Geselschaftspolitische aus Deutschland, über das zum Beispiel die „New York Times“ mit wirklichem Herzblut berichtete, war, dass Cindy aus Marzahn hierzulande ein Star ist.

Wir sollten uns damit abfinden, dass man uns nur wegen unserer Autos und unserer Wirtschaft ernst nimmt.

Wir sollten uns damit abfinden, dass wir unbedeutend sind. Jeder Versuch, wenigstens die Pflichten eine kleineren Mittelmacht zu erfüllen, ist hierzulande zum Scheitern verurteilt.

Siehe Libyen, siehe jetzt wieder Mali. Das ist Deutschland: ein Land, das sich erfolgreich eingeredet hat ohne Interessen zu sein, ohne harte Macht, angeblich ohne Machtwillen.

Die eigene Bedeutungslosigkeit mit Diskussionen zu kaschieren, die den anderen wenigstens ein bisschen von der Atemlosigkeit früherer Tage einhaucht – „Wohin treibt Deutschland, um Gottes willen?“ – ist lächerlich.

Und diese Frage stellt man auch nirgendwo – ausser in Deutschland selbst.

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