Die „Spannend“-Ideologie – Dummdeutsch und Gehirnwäsche

Gespräch auf einer Party: „Ich finde Akademikerarbeitslosigkeit spannend“. Gespräch in der Zeitung: „Ich habe es immer spannend gefunden, die Verhältnisse zu ändern“. Ankündigung im SWR-Fernsehen zu einer Reportage über die Talstrasse in Altleinigen: „In den 40 Häusern haben sich spannende Lebensentwürfe versammelt: Die sozial engagierte Rentnerin, die Besitzerin eines Swingerclubs oder der Antiquitätenhändler.“

Und jetzt sind auch noch Scheidungen nicht etwa negativ, unangenehm oder traurig: „Die Söhne fänden die neue Situation spannend, hätten aber auch begriffen, was sie bedeute, so Suding.“ Katja Suding, FDP-Vorsteherin in Hamburg gibt so ihre Scheidung bekannt.

Kapieren sie das? Was ist los mit dem guten, alten, deutschen Wort „spannend“, das bisher für Edgar-Wallace-Filme oder Elfmeterschießen zwischen Deutschland und England reserviert war?

Spannend ist heutzutage so ziemlich alles. Das Wort scheint aus dem Vernissagen-Milieu herausgerutscht und in allgemeiner Dummdeutsch-Verbreitung überall hineingeraten zu sein. Wahrend irgendwelche Ausstelllungen schon länger und allzeit, wenn schon sonst nichts, „spannend“ sind, daran hatte man sich gewöhnt, so hat das Wort seitdem eine ungeheure Karriere hingelegt.

Natürlich gehört das Wort zu dem allgemeinen esoterischen Aufblasen von Banalitäten mittels Angeberwörter.

Was ist jetzt genau an einer „sozial engagierten Rentnerin“ spannend, oder an einer Swinger-Club-Betreiberin gar? Hier scheint das Wort irgendwie das Wort „non-konform“ ersetzen zu sollen. Und aus der Sicht eines SWR-Redakteurs, der überall und gerade im Kleinen, Dörflichen, Banalen immer das unerwartet Originelle sucht, ist halt ein Antiquitätenhändler auf dem Dorf schon „spannend“, was wohl vor allem aussagt, dass sein eigenes Lebend – wir bleiben im Wortfeld – extrem „unspannend“ ist.

Aber da ist noch mehr. Das Wort „spannend“ ist Dreh – und Angelpunkt der „Krise-als-Chance“-Ideologie. Da, wo jeder kleine oder große Schicksalsschlag oder eine persönliche Niederlage nicht einfach schlimm oder traurig oder wenigstens gemein, sondern – natürlich – „spannend“ ist, so wird das Wort jetzt vornehmlich eingesetzt, da gibt es nichts Negatives mehr, da wird alles eingeebnet.

Akademikerarbeitslosigkeit „spannend“? Zunächst mal ist die einfach scheisse, niederschmetternd, beunruhigend. Dass die sogenannten Betroffenen selbstverständlich versuchen müssen, das Beste draus zu machen, versteht sich von selbst.

Das Wort „spannend“ ist der neueste Beleg dafür, wie sich Psycho-Esoterik-Sprache in das allgemeine Reden einschleicht und eine unangenehme Ideolgie verbreitet.

Natürlich ist das in erster Linie Dummdeutsch. Aber irgendwie ist es auch schon eine kleine Gehirnwäsche.

Den Kindern von Katja Suding wünsche ich in ihrer neuen „spannenden Situation“ schon mal viel Spaß, so wie vielen anderen Millionen Kindern, die schon in dieser tollen, „spannenden“ Situation waren.

Ich bin gespannt, ob Katja Suding sich einen neuen Partner mit „spannendem Lebensentwurf“ besorgt. Vielleicht einen „sozial engagierten Rentner“ aus Altleinigen?

Es bleibt spannend.

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4 Antworten zu Die „Spannend“-Ideologie – Dummdeutsch und Gehirnwäsche

  1. Stephan schreibt:

    Voll krass – äh ich meine spannend! Weiter so!

  2. Berka schreibt:

    „Spannend“ kann man sogar noch steigern. Dann wird es „hochspannend“.
    Z. B. hier: „Das Europa der Zukunft wird kein föderaler Staat nach dem Vorbild der USA oder der Bundesrepublik sein. Es wird eine eigene Struktur haben. Das ist ein hochspannender Versuch.“ (Wolfgang Schäuble, http://www.spiegel.de/politik/ausland/euro-krise-schaeuble-prophezeit-baldiges-europa-referendum-a-840549.html)

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