Auf dem Hügel

Ende Mai 2002 war der so genannte Spotterhügel am Flughafen Tegel, wo man einen guten Blick auf die Landebahn 08 hat, die einzige pro-amerikanische Enklave Berlins. Während in der Mitte der Hauptstadt durchgeknallte Deutsche sich mit „Bush=Hitler“-Plakaten für den kommenden Staatsbesuch rüsteten, standen auf dem Hügel, der eingeklemmt zwischen dem ADAC-Testgelände und der Rue Ambroise Pare im Franzosenviertel liegt, freudig gestimmte Männer mit langen Teleobjektiven. Es waren „Planespotter“ – Männer, die am Flughafen stehen, um Maschinen zu fotografieren. George W. Bushs Besuch am 22.5.2002 und die Tage davor, das war ihre Zeit: Die Funkscanner hatten sie auf die Frequenz Tegel-Arrival (119,625 Megahertz) oder Tegel-Tower (118,700 Megahertz) eingestellt, um ja keinen Sprachfetzen zu verpassen, wenn die Air Force One die Begleitflugzeuge mit Berlin, mit Tegel, letztlich also mit ihnen Funkkontakt aufnehmen würde.
Zunächst waren, Bushs logistische Bugwelle, zwei Lockheed C-5 Galaxy nach Tegel gekommen, Transportmaschinen, die den Hubschrauber Marine One und die Limousinen des Präsidenten nach Tegel gebracht hatten. Das schrille Pfeifen der Triebwerke, der Sound des Kalten Krieges, löste bei den sonst schweigenden Männern Begeisterung aus. Vielleicht lebte hier auf dem Hügel unbewusst und in kollektiver Erinnerung so etwas wie die Westberliner Amerikabegeisterung weiter, die sonst in der Stadt spätestens seit 1968 versiegt war.
Wäre George Bush auf der Landebahn 08 aus seiner Boeing 747 gestiegen, und hätte „Ich bin ein Berliner“ gesagt – hier am Spotterhügel wäre der einzige Ort Berlins gewesen, so sie ihm zugejubelt hätten. Doch am Besuchstag stand der Secret Service statt der Tegel-Jungs auf dem Hügel und genoss die Aussicht.
Die Männer mit den langen Objektiven sind ja an vielen Flughäfen der Welt, um Jets zu fotografieren. Aber in Tegel war das Ganze immer gepaart mit einer Hingabe, in der die Situation der eingemauerten Stadt und ein der daraus resultierende Minderwertigkeitskomplex nachwirkt: hier landen ja, trotz des Weltstadtanspruchs, bis heute eher kleine Flugzeuge. Und Tegel ist ja trotz des genialen Tricks das längste Terminal der Welt implantiert bekommen zu haben (man kann endlos im Kreis gehen) ein kleiner Flughafen.
Kommt hier aber mal was Großes an, dann ist der Berliner da. Als die Lufthansa im Herbst vorletzten Jahres zeitweise die Boeing 747 als Zubringer nach Frankfurt einsetzte, standen die Spotter frühmorgens auf. Sie bestiegen das Einkaufszentrum „Der Clou“ am Kurt-Schumacher-Platz in der Einflugschneise in Reinickendorf. Dort oben ist ein Parkplatz mit exzellenten Fotografiermöglichkeiten. Ich traf dort mal einen Mann, der in Tegel auf dem Vorfeld arbeitete. Selbst in seiner Freizeit wollte er nicht auf den Flugzeuglärm verzichten. Vielleicht ist die Verehrung des Flugzeugs als Symbol der Freiheit wirklich ein spätes Westberliner Erbe und Tegel ist seine Huldigungsstätte.

Erschien am Sonntag zusammen mit anderen Abschiedstexten in der FAS unter dem Titel „Adieu, Tegel“

 

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