Warten auf Godot in Burkina Faso

Wer weißt uns nur jetzt den Weg , da Wulff weg ist?

In Burkina Faso kennt man das inzwischen: das Armeeorchester hat die deutsche Hymne eingeübt. Der rote Teppich ist bestellt. Die schwarzen Anzüge sind gebürstet. Präsident Blaise Compaoré hat ein paar Brocken Deutsch eingeübt. Und wer nicht kommt, ist das deutsche Staatsoberhaupt. Weil der Amtsinhaber im Nichts verschwunden ist.
2010, kurz nachdem er zurücktrat, hätte eigentlich Horst Köhler auf Staatsbesuch in der ostafrikanischen Republik vorbeischauen wollen. Und am 26. Februar sollte sich Bundespräsident Wulff nach Ouagadougou aufmachen.
Daraus wird jetzt nichts. Es sei denn, der amtierende 30-Tage-Präsident Horst Seehofer schiebt den Staatsbesuch zwischen Koalitionsgesprächen in Berlin und der Besichtigung bayerscher Wirtschaftsstandorte ein.
Was denkt man sich so in Burkina Faso, einem Land, das sich ein Präsidialsystem nach französischem Vorbild gegeben hat? Man denkt vielleicht: was haben eigentlich diese Deutschen da für einen komischen Präsidenten, der absolut nichts zu sagen hat, durch eine ominöse „Macht des Wortes“ wirken soll statt mit harten Entscheidungen und trotz seiner politischen Ohnmacht seit Wochen gejagt wurde?
Man reibt sich nicht nur in Afrika die Augen angesichts der Auflösungserscheinungen eines Amtes, auf das die Deutschen, machtskeptisch wie sie sich gern geben, immer so stolz waren.
Die Illusion der angeblich moralisch definierten Präsidentenmacht, die in der Sphäre des Politischen, in der nur eine harte Währung gilt, nämlich Entscheidungsbefugnis, wirken soll, ist uns in den letzten Wochen endgültig deutlich geworden.
Das lag natürlich an der ungeheuren Mediokrität des Mannes, der es ausfüllen sollte und der sich mit dem Amt seinen Aufsteigertraum erfüllte.
Das lag aber auch daran, dass dieses Amt – jedenfalls so definiert wie in den letzten Jahren – unmöglich geworden ist.
Die ganze Affäre Wulff hat uns deutlich gemacht, dass der staatspolitische Kitsch eines wortgewaltigen Mannes, der dem Land in ständigen pastoralen Ansprachen den Weg weist, reiner Unsinn ist. Und diese Idee ist darüber hinaus eine Medienerfindung.
Die Funktion des Bundespräsidenten ist – neben den wenigen verfassungsrechtlichen Befugnissen – reine Repräsentation. Er tritt bei Jubiläen auf, tröstet Angehörige von Katastrophen (oder wie zuletzt Hinterbliebene der schlimmen Nazi-Mordserie) er schüttelt Hände und sieht gut aus.
Ausnahmen, und davon gibt es wenige wie Weizsäckers 8.-Mai-Rede, bestätigen die Regel.
Die Idee, der Bundespräsident müsse dem Land „Orientierung“ geben und „moralische Instanz“ sein ist eine Polit-Romantik von Leuten, die tief in sich drinnen den traditionellen deutschen Anti-Parteien-Reflex verspüren. Sie sitzen vor allem in den Redaktionen und dort wurde diese angeblich unerläßliche Funktion des Bundespräsidenten auch erfunden.
Keiner kann in einer pluralistischen Republik, es sei denn in schlimmsten Krisenzeiten, wo eine Rede viel bewirken kann (allerdings auch nur, wenn man Churchill oder Kennedy heißt) dem Land mit der großen, alles erklärenden Rede moralische Anleitung geben.
Keiner. Wulff hätte es nicht gekonnt, auch ohne seine Affäre. Und der mögliche Nachfolger wird es auch nicht können. Weil es unmöglich ist.
Die Krise um das Amt gibt uns die Möglichkeit, endlich wieder auf den Teppich zu kommen, und endlich mit dem Politikkitsch und der seltsamen Sehnsucht nach „moralischen Instanzen“ Schluss zu machen.
Ein Wulff ohne staatsanwaltliche Ermittlungen im Nacken hätte weitermachen können. Als Händeschüttler, Repräsentant unseres Staates mit hübscher, junger Frau an seiner Seite. als Mann, der ein auf das menschliche Maß reduziertes Amt durchaus angemessen ausgefüllt hätte. Das ging tatsächlich nicht mehr. Ein Schaden, eine Staatskrise gar, ist das nicht.
Es geht jetzt weiter wie zuvor. Ein Neuer wird kommen. Und bald wird wieder das Gerede von der ausbleibenden, wegweisenden Moralrede losgehen.
Und in Burkina Faso wundert man sich über diese seltsamen Deutschen und dem komischen Präsidentenamt, das keine Macht hat und von dem trotzdem so viel erwartet wird, wie von sonst keinem.

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