Unter langen Haaren, der Muff von tausend Jahren. Unangenehme Geschichte: Der Historiker Götz Aly

Götz Aly ist der Dokumentarist deutscher Kontinuitäten. Im Furor der Achtundsechziger erkannte er (ähnlich wie Richard Löwenthal schon 38 Jahre vorher) – auch – eine Wiederauflage des Nazi-Terrors. Darüber konnte auch das ganze Gekiffe, Rockmusikgehöre und von den Nazis leicht abweichende Haartrachten nicht hinwegtäuschen: unter den langen Haaren, der Muff von tausend Jahren.

Den viel gelobten Sozialstaat, den größten deutschen Fetisch (von Bismarck und den Nazis erfunden), würdigte er als Ruhigstellungsinstrument eines totalitären Regimes, ja als Mittel, einen Vernichtungskrieg durchzusetzen.

Das besondere an Aly war immer, dass man seine Bücher nicht beruhigt in den Schrank stellte und ein „Nie Wieder“ murmelte in der sicheren Erkenntnis, der neue Mensch zu sein, der alles weiß, alles durchdrungen hat und in einer gänzlich neuen Welt lebte.

Und so geht es einem auch mit Alys neuestem Buch: „Warum die Deutschen, warum die Juden?“ Es ist die Fragen aller Fragen und die Beantwortung wurde von Anfang an ins Transzendente verlegt. Erst sollten die Deutschen angeblich von Hitler verführt worden sein – was einfach eine negative Umdeutung des kurz zuvor noch positiven Führermythos und der angeblichen Zauberkräften Hitlers war.

Dann kamen die Großerklärungen: viel war vom „deutschen Sonderweg“ die Rede, der „verspäteten Nation“, der Dysfunktion eines deutschen Bürgertums, das von Anfang an staatsgläubig war und dem es an Selbstbewusstsein und erst recht an einer erfolgreichen Revolutionserfahrung mangele – angeblich ist dieser Makel ja 1989 mit der so genannten „friedlichen Revolution“ (obwohl Revolutionen per definition „gewaltsame Umstürze“ sind) geheilt worden. Auch so ein deutscher Sonderweg.

Irgendwann in den achtziger Jahren und erst recht in den Neunzigern wurde der Holocaust ganz entsorgt und positiv umgedeutet zur deutschen Staatsräson ins Reich der Sonntagsreden. Mit ihm wurden nun auch Kriegseinsätze begründet – und die Kritik an ihnen.

Aly hält von diesen Großerklärungen wenig (obwohl er dann zum Teil auf sie zurückgreift). Er erklärt den Judenmord mit Neid. Eine zurückgebliebene deutsche Gesellschaft, überrollt von den Modernisierungsschüben des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sieht in den Juden die Gewinner des neuen individualisierten, industrialisierten Zeitalters.

Damit wurden sie zur idealen Zielscheibe in einer Nation, die von Anfang an die individuelle Freiheit gering schätzt und das Kollektiv idealisiert. Ein historischer Defekt, der sie vom „Westen“ unterscheidet. Um diesen Hang zu erklären, greift Aly dann allerdings wieder auf Großtheorien zurück: es geht eben dann doch um die „verspätete Nation“, um den Einfluss der französischen Besatzung unter Napoleon, um die Defekte des Bürgertums.

Unangenehm ist diese Analyse auch für die deutsche Linke, inklusive der Sozialdemokratie. Aly stellt fest: „Die historische Verbindungslinie zwischen sozialdemokratischer Massenmobilisierung in der Kaiserzeit und späteren Erfolgen der NSDAP“ läge darin, dass in „historisch tragischer Verkettung“ die Linken „indirekt die innere Bereitschaft von Millionen deutschen Arbeitern, die Partei Hitlers zu wählen“ gefördert hätten und zwar durch die „Zwischentöne ihrer antikapitalistischen Programmatik“. Diese verstärkten ein Gefühl, „dass die Juden als besonders agiler Teil der bürgerlichen Klasse, stark genug seien, sich selber gegen Angriffe zu wehren“ und einen „Dämpfer seitens der ‚kleinbürgerlichen’ Antisemiten durchaus vertragen könnten“.

Dazu kam die Janusköpfigkeit des linken Gerechtigkeitsgedankens: „Ich kann mich nicht freuen, wenn andere nichts haben – ich kann mich nicht freuen, wenn andere mehr haben“. Dieser Gedanke, so schreibt Aly, „stachelte zum Neid auf“ und förderte einen Faktor, der das „Entstehen der modernen Judenfeindschaft in Deutschland immer wieder aufs Neue beförderte“.

Wer sich mittels der Lektüre von Alys Buch mit den verheerenden Wirkungen von Neid und dem deutschen Kollektivwahn beschäftigt, dem klingen zeitgenössische Formulierungen von einer angeblich anzustrebenden „inneren Einheit“ in Deutschland, der omnipräsenten „sozialen Gerechtigkeit“, der ewigen Polemik gegen „Reiche“ und der „Anpassung der Lebensverhältnisse“ zumindest unangenehm in den Ohren. Denn dieses Sonntagsreden-Gerede ist die aktuelle Variante der Gemeinschaftssehnsucht der Deutschen. Das seltsame ist, dass die Deutschen, obwohl längst im Westen angekommen und täglich die Wonnen einer liberalen Gesellschaft genießend einfach von einer kulturpessimistischen, antiliberalen Rhetorik nicht runterkommen. Es ist ein deutsches Hobby.

Bei gewissen Teilen des gesellschaftlichen Spektrums, muss man sich jetzt schon ernste Sorgen machen: ist es Zufall, dass in dem Teil der deutschen Linken, die sich die Linke nennt, der Kollektivwahn nicht selten gepaart ist mit einer obsessiven „Israelkritk“? Ist es Zufall, dass der Sprachsound dieser „Linken“ dem der NPD zuweilen sehr ähnlich ist?

Wer Aly liest, stellt sich ein paar Fragen. Und sieht Kontinuitäten, die er lieber verdrängt hätte. Das ist Alys Verdienst.

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