Was will uns die Natur damit sagen?

Der Papst führt ja bekanntlich einen Krieg gegen den „Relativismus“ und bietet, wie sollte er anders, als Immunisierung den unhinterfragbaren und unantastbaren Gott und als dessen irdische Vorfeldorganisation die katholische Kirche an. In den westlichen Gesellschaften mit mäßigem Erfolg. Die Mühlen der Säkularisierung mahlen einfach weiter.
Doch wer meint, mit dem Erkalten der christlichen Religionen, auch kurzzeitig aufkommende modische Hinwendungen, etwa zum Katholizismus bestätigen dessen Niedergang, sei auch die Sehnsucht nach dem Absoluten geschwunden, der irrt.
Es hat sich im gesellschaftlichen Unterbewusstsein bestimmter Milieus eine Idee von Exzess und dessen Bestrafung etabliert, die dem Katholizismus ähnlich ist, aber einer anderen absoluten Instanz Herrschaft über Leben und Tod zugesteht: „Die Natur“ hat den strafenden Gott abgelöst.

Sicherlich hat die Idee, dass wir durch unseren Lebensstil in hochindustrialisierten Ländern nicht mehr „im Einklang mit der Natur“ leben und „die Natur“ sich rächt ihren Ausgangpunkt in der Öko-Bewegung der Achtziger Jahre. Aber sie hat sich tief festgesetzt, sie ist Teil der Populärkultur: Fast alle Katastrophenfilme spielen mit diesem Thema, die filmische Zerstörung hochgezüchteter Megastädte sehen wir mit einer Mischung aus Lust und Schrecken. Es ist ein seltsames Sündenbewusstsein vorhanden: Wir leben, wie wir leben, aber ab- und zu werden wir dafür bestraft.

Nach diesem Schema kommt auch jetzt angesichts der japanischen Katastrophe bei einigen Blog-Kommentaren fast schon eine Apokalypsesehnsucht auf, ein seltsamer Unterton, in dem insgeheim bejaht wird, dass eine hochindustrialisierte Nation wie Japan am Ende mit der ganzen menschgemachten Technologie das absolute, „die Natur“ nicht hat aufhalten können. Wenigstens eine Sicherheit: es gibt keine. Wir sind Spielbälle, nicht handelnde Subjekte – einige scheint das zu beruhigen.

Der „Spiegel“ sieht das Ganze auch so und titelte (bevor er, in einer zweiten Cover-Variante „Das Ende des Atomzeitalers“ ausrief): „Der feindliche Planet“. Mensch und Umwelt also als Feinde, die Natur als Lebewesen, das straft.

Die Variante dieser Idee, nämlich dass der sich selbst ermächtigende Mensch mit seiner Zivilsation das eigentliche Problem ist, hat sich ebenfalls in der Populärkultur und der Kunst ausgebreitet. Am Berliner S-Bahnhof Savignyplatz befindet sich eine Kunstinstallation aus den achtziger Jahren, die den Raubbau an der Natur beklagt. Motto: „Wir sind die Hautkrankheit der Erde“.

Der Mensch als Krankheit. Nun, Krankheiten müssen bekämpft, ja ausgerottet werden: Muss der Mensch sich selbst bekämpfen? Wenn die Natur das Gesetz, das absolute ist, wo beginnt dann das „Unnatürliche“. Sind nicht Städte an sich, ja die Zivilisation „unnatürlich“?

Aber die Natur ist auch ein Lehrmeister, so denkt sich das der Hobby-Naturtheoretiker Herbert Grönemeyer. Wenn wir nur die Lektionen, die uns „die Natur“ erteilt, annehmen, wird’s uns allen hinterher besser gehen. Natürlich muss als erstes – wie immer – der Kapitalismus dran glauben, der größte Sündenfall überhaupt:

„Die Natur nimmt das Heft in die Hand. Schlägt beinhart zurück. Schickt die Geldgier in Katastrophen. Zwingt uns zu unserem Glück“.

So textet der so genannte Herbie im Lied „Chaos“, das er wohl als eine Art reinigendes Gewitter für die gesamte Menschheit herbeisehnt.

Das werden die Japaner beglückt zur Kenntnis nehmen: Bauen Atomkraftwerke, neben dem Kapitalismus der zweite große zivilisatorische Sündenfall für die singende und malende Sozialdemokratie, einfach ans Meer. Aber die Natur wird jetzt die Japaner und dann auch uns zu unserem Glück zwingen.

Die Apokalypse – sie ist einfach nicht totzukriegen. Darüber nachzudenken, was uns die Natur wohl sagen will, ist vor allem Hobby von Leuten, die sonst keinen mehr haben, mit dem sie sprechen können.

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