Politik und Show

Das schlimmste, was einem Politiker in Deutschland passieren kann, ist, dass ihm unverblümtes Streben nach Macht vorgeworfen wird. Denn in Deutschland, dem Land der späten Demokratie, bevorzugt man eher das verblümte Streben nach Macht.

So läuft das auch jetzt wieder im Fall Guttenberg. Der Mann inszeniere sich, alles seine eine konsistente PR-Strategie. Ziel: Bundeskanzleramt.

Die „Süddeutsche“ wirft dem Verteidigungsminister vor, aus dem „Dienstgeschäft eine Show“ zu machen, übt Stilkritik an Stefanie zu Guttenbergs Karohemd und stellt die ganze Aktion des Truppenbesuchs irgendwie in Zusammenhang mit der Audienz eines feudalen Herrschers bei seinen Untertanen. Die FAZ warnt Guttenberg, er müsse aufpassen, dass er nicht „für Thomas Gottschalk gehalten“ werde.

Es ist interessant, dass von links bis rechts über Guttenbergs mit charismatischen Bildern arbeitende PR die Nase gerümpft wird. Und zwar mit dem „Show“-Vorwurf. Ein Grund ist, dass es eine amerikanische Bildsprache ist, die Guttennberg benutzt. Wir kennen ähnliche Bilder von amerikanischen Präsidenten oder Verteidigungsministern, die sich beim Truppenbesuch auch gern mal eine Camouflage-Jacke überziehen oder gar in Pilotenuniform auf Flugzeugträgern landen. Guttenberg kopiert diese Bildsprache eines „Commanders-in-Chief“.

Für Deutsche, die sich als Welt-Lehrmeister des Pazifismus aufspielen („Friedensmacht Deutschland“) muss diese Verknüpfung von Militärischem und Politischem, und dann auch noch in dieser amerikanisch geprägten Bildsprache eine einzige Provokation sein:

Schließlich sind wir auch noch die Hochburg des aus kulturellen Überlegenheitsgefühlen gespeisten Anti-Amerikanismus. Der Vorwurf der „Show“, also der Oberflächlichkeit, ist die Grundsubstanz, aus der sich dieser kulturelle Anti-Amerikanismus immer schon speiste. Er bedeutet: Inszenierung ist immer notwendigerweise

Oberflächlichkeit. Wer inszeniert ist ein Manipulierer.

Nicht nur, dass ausgerechnet Claudia Roth diesen Vorwurf („Eigen-PR“) erhob, die neulich noch von angemessen vielen Kameras dabei gefilmt wurde, wie sie einen legalen Atommülltransport blockierte – und das gar nicht gekonnt hätte, wäre aus Amerika in den Sechzigern nicht die geniale Erfindung des ausschließlich auf PR ausgerichteten „Sit-ins“ zu uns gekommen.

Oder dass Andrea Nahles sagt, dies sei „Staatsschauspielerei“ – und dabei ein Wort benutzte, dass ausgerechnet Helmut Schmidt zur Beschreibung des eigenen Tuns als Politiker verwendete. Und zwar in der Absicht, für die Unausweichlichkeit der Inszenierung in der Politik einen halb selbstironischen Begriff zu finden.

All dies ist peinlich.

Darüber hinaus steht es, neben dem Anti-Amerikanismus, aber auch noch für ein verquastes Politikverständnis: Guttenberg inszeniert sich.

Ja, und? Durch ihn erhalten deutsche Soldaten, die aufgrund eines Parlamentsbeschlusses, also „von uns“, dem Volk, legal entsandt wurden zum ersten mal die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Insofern ist, wie nicht selten in unserer Demokratie, Eigennutz und öffentliches Interesse in Einklang gebracht.

Nehmen wir an, Guttenberg positioniert sich für den Lauf ins Kanzleramt.

Ja, und?

Macht ist in der Demokratie Regeln unterworfen und eingeschränkt. Die verquaste Idee, Machtstreben insgesamt hätte etwas Unmoralisches, ist vollkommen falsch. Gäbe es kein Machtstreben mehr, dann gäbe es keine Demokratie mehr, denn auch Demokratie braucht Leute, die Macht ausüben wollen und sie deshalb anstreben.

Wie sie dies tun ist, solange dies legale Mittel sind, ist egal. Guttenbergs medienaffine Strategie ist eine mögliche Form.

Und sie ist mitnichten unsympathsicher oder unmoralischer als jene Show von Leuten, die sich als machtskeptisch inszenierten und deshalb die viel nervigere Show veranstalteten: die so genannte „Glaubwürdigkeit“ – jene von all den Engholms, Raus und Süßmuths und Roths verfolgte Strategie, die auch eine Inszenierung ist, nur nicht so heißt und deren Protagonisten, siehe Engholm, nicht selten grandios gescheitert sind.

Politik braucht Inszenierung und Emotionalisierung. Guttenberg liefert sie. Bisher hat sie dem Land mitnichten geschadet.

Es ist zu einem öden journalistischen Reflex geworden, Inszenierungen allzeit zu „entlarven“ und die „wahre Strategie“ dahinter zu „demaskieren“. In dieser Welt der Zyniker ist es gar nicht vorgesehen, dass jemand wirklich, so wie Guttenberg es sagt, zum Beispiel den lebensgefährlichen Einsatz der Bundeswehrsoldaten würdigen und seine Verbundenheit zum Ausdruck bringen will und dabei – warum nicht – auf inszenierte Bilder nicht verzichtet.  Zyniker sind dazu verdammt anzunehmen, dass alle anderen auch Zyniker sind.

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