Verschwurbelte Lyrik der DDR: Was heißt das? Karat: Schwanenkönig.

Es neigte ein Schwanenkönig

seinen Hals auf das Wasser hinab.

Sein Gefieder war weiß wie am ersten Tag,

rein wie Sirenenton.

Und im Glitzern der Morgensonne

sieht er in den Spiegel der Wellen hinein,

und mit brechenden Augen weiß er:

Das wird sein Abschied sein.

Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere.

Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere.

Und sie raunen sich leise zu, raunen sich leise zu:

Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt.

Und es begann der Schwanenkönig

zu singen sein erstes Lied,

unter der Trauerweide,

wo er sein Leben geliebt.

Und er singt in den schönsten Tönen,

die man je auf Erden gehört,

von der Schönheit dieser Erde,

die ihn unsterblich betört.

Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere.

Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere.

Und sie raunen sich leise zu, raunen sich leise zu:

Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt.

Und es singt der Schwanenkönig

seinen ganzen letzten Tag,

bis sich die Abendsonne

still ins Dunkelrot flieht.

Lautlos die Trauerweide

senkt ihre Blätter wie Lanzen hinab.

Leiser und leiser die Töne,

bis das letzte Licht im Gesang verglüht.

Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere.

Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere.

Und sie neigen sich tief hinab, raunen sich leise zu:

Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt.

Was dabei herauskommt, wenn einem die Zensur im Nacken sitzt: nichts Gutes. Höchstverschwurbelte Märchenlyrik, die irgendwas heißen soll, was man nicht sagen darf, oder auch nicht. Dafür war die DDR-Band Karat gefürchtet: da hagelt es von Albatrossen, Schwanenkönigen und blauen Stunden.

Und was heißt das nun? Nehmen wir den Schwanenkönig.

Der Schwanenkönig ist ein nicht näher bezeichnetes Ich in der DDR.
Jemand Schillerndes, Charismatisches, viellleicht sogar eine Person des öffentlichen Lebens.

Etwa der kurz vorher ausgebürgerte Wolf Biermann? Schwer vorstellbar. Denn das war ja schon der Schwallkönig.

Wäre es 1968, die Sache wäre klar: Dubcek, die Hoffnung auf einen besseren Sozialismus wäre der Schwanenkönig.

Doch wir sind in der DDR 1980, kein Dubcek, nur Erich und Egon.

Der Text handelt vom vorhersehbaren Scheitern dieses also nicht näher zu bezeichnenden schillernden Individuums, denn Indiviualität ist im Sozialismus nicht gefragt. Vielleicht ist es aber auch die Idee vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ die scheitert.

Der Schwan geht an den Verhältnissen zugrunde, ohne dass die Stasi da schon direkt nachgeholfen hätte.
Vielleicht hat sie aber auch „Zersetzungsmaßnahmen“ durchgeführt, so daß der Schwan Selbstmord begeht, getrieben von Spitzeln, Denunziantentum und der allgemeinen Hoffnungslosigkeit. Was macht das für einen Unterschied? Auch bei der RAF soll das ja angeblich egal gewesen sein: Selbstmord=Mord, hieß es damals.

Weiteres: Wenn der Schwanenkönig singt, “schweigen” die anderen Tiere und “raunen” sich etwas zu.
Ein klarer Hinweis auf die DDR als Gesellschaft der Schweiger aus Angst und eingebildetem oder realem Druck. Vielleicht wird sogar vorrauseilend geschwiegen, obwohl ein bisschen Aufmüpfigkeit durchaus drin gewesen wäre. Die raunende Gesellschaft – eine grauenhafte Vorstellung.

Sie “raunen” sich etwas zu? Warum denn, wenn der Schwanenkönig so toll ist und vielleicht sogar ein besserer erster Sekrtär des ZKs der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR als Erich?

Ein bisschen Mum und vielleicht hätte es auch einen Schwanenkönig in der DDR geben können, so wie in der Sowjetunion, wo Gorbi diese Rolle übernahm.

So oder so: Ob sie schweigen, beeindruckt vom tollen Schwan oder aus Angst vor der Stasi, es hat etwas Obrigkeitsgläubiges, Geknicktes, Verzwergtes.

Ein düsteres Bild des Unterdrückungssystems der DDR, das Karat da zeichnen.

Und zweifellos feiner gestrickt als „Haut die Bullen platt wie Stullen“, das damals den von der Band Slime den Stand politischer Lyrik im Westen markierte.

War Karat aber am Ende die raffinierteste Waffe der Stasi, um die Osthirnhe langsam aber sicher durch wabernden Rockbombast und schmierige Lyrik zu zersetzen?

Wir werden es nie erfahren.

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Eine Antwort zu Verschwurbelte Lyrik der DDR: Was heißt das? Karat: Schwanenkönig.

  1. Geißler, Dieter schreibt:

    Und der Verfasser dieser Zeilen, Ostlyrik erfahren?! Kenner der Ostrock-Szene? Manchmal genießt man einfach und besser, bevor man „Verschwurbelte“, abenteuerliche, falsche und absurde Folgerungen und Beiträge formuliert und veröffentlicht. Setzen: Sechs!

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