Zur Entwicklung des neueren deutschen Kommentarwesens

Die Idee des sich selbst neuerschaffen habenden Deutschlands hat sich inzwischen zu einer deartig fixen Idee ausgewachsen, dass ebenjene Behauptung, das lockere Deutschland, bereits durch die Penetranz widerlegt wird, mit der es behauptet wird.

Ein Kommentar, der den ganzen Unsinn der letzten Wochen noch einmal zusammenfasst findet sich heute auf WELT ONLINE.

http://www.welt.de/channels-extern/ipad/sport_ipad/article8364337/Nationalteam-macht-Hoffnung-und-Lust-auf-mehr.html

In diesem Text zeigt sich auch exemplarisch ein Phänomen des neueren deutschen Kommentarwesens: einfach mal loslabern und aus verschiedenen Bereichen des Lebens, gern auch dem Alltagsleben, alles mögliche zusammenklauben, was einem gerade frei assoziiert so einfällt, um daraus irgendwelche hochsymbolhaften Zusammenhänge herbeizuphantasieren.

Wir lesen also:

„Früher waren wir einmal das Land der Wadenbeißer und Dauerpessimisten. Doch Schland hat sich verändert, nicht nur im Fußball. Es ist das Land einer tätowierten First Lady geworden. Das Land einer kinderlosen Familienministerin. Ein Waisenjunge aus Vietnam ist Gesundheitsminister und redet mit seinen 37 Jahren so smart als sei er ein alter Politikhase. Da passt es, dass auch unsere besten Fußballer immer jünger werden. In der Ära Lothar Matthäus waren das noch deren zweite oder dritte Ehefrauen.“

Wir erinnern uns, wie oft Deutschland schon neugeschaffen wurde. Der Beginn der permanenten Neuerschaffung Deutschlands unter lockeren Vorzeichen war exakt 1969. Damals sagte man: Dass ein Emigrant und unehelicher Sohn einmal Bundeskanzler werden würde, das ist eine Sensation und Menetekel für das Neue Deutschalnd. Und – ausnahmsweise – das war es auch.

Dann kamen die heiteren Spiele, die ziemlich locker waren, so locker, dass auch einige ungebetene, äusserst unlockere Gäste sich unzulässigerweise Zutritt verschafften.

Ca. 1978 ging es in München mit ungeheurer Lockerheit zur Sache, als Nackerte auf dem Weg zum Nacktsonnen im Englischen Garten nackert Strassenbahn fuhren.

1985 wurde der 17-jährige Leimener Wimbledonsieger und ich erinnere mich genau, dass der damals auch herhalten sollte für das sogenannte neue, das unbekümmerte Deutschland.

Übrigens war auch damals, 1985 schon penetrant vom jetzt wieder möglichen Patriotismus die Rede. Die Herren Walser und Markwort füllten einen ganzen Band mit Elogen dieser Art.

Man könnte hier noch dutzende Beispiele anführen, die belegen, dass Deutschland mit gewisser Penetranz seit spätestens den 60er Jahren Lockerungswelle um Lockerungswelle hinter sich bringt.

Die neuere deutsche Lockerheit datiert allerdings von 2006, als jene oben zitierte Textgattung neue Popularität erlangte. Und jetzt also dies:

Deutschland heisst Schland. Das klingt nicht so aggressiv. Mir war es ehrlichweise schon zu viel, dass man die „Bundesrepublik“ seit einiger Zeit vor „Deutschland“ weglässt – jenes Gütesiegel für Zivilität, Harmlosigkeit und die Langeweile der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, mit dem wir so verdammt gut gefahren sind. Jetzt also Schland, das klingt nicht harmlos, sondern infantil und deppert, passt also bestens zum Gesamtunsinn der These.

Und deshalb spielen unsere Kicker so gut, weil es jetzt Schland heisst. Dann sind wir angeblich depressiv und wadenbeisserig, ein Tatbestand, den ich seit der letzten deutschen Lockerungswelle, also bereits seit 2006 für endgültig abgeschafft hielt. Was ist in den letzten vier Jahren schiefgelaufen?

Der Höhepunkt der kompletten Entlockerung Deutschlands aber ist für die Kommentar-Sugar-Daddies eine gewisse Bettina Wulff. Die Herren in den Redaktionsstuben drehen gerade vollkommen durch angesichts der zweifellos hübschen First Lady aus Niedersachsen.

Denn die ist auch noch tätowiert, was für den Autor offensichtlich irgendwie Symbol für Weltläufigkeit, Aufmüpfigkeit und Non-Konformismus ist, obwohl das Geritze seit mindestens einem Jahrzehnt so ziemlich gar nichts mehr bedeutet, ja im Gegenteil, eher für eine Art von Aufmüpfigkeit steht, wie man sie sich in der Provinz leistet, ein kleinbürgerlicher Traum, ähnlich wie in dem Udo Jürgens Lied „New York“: Einfach mal ausbrechen und in zerissenen Jeans durch San Francisco gehen.

Was hat jetzt Philipp Rösler, der gescheiterte Gesundheitsreformer mit einer farblosen, aber oho, kinder- und ehelosen Wissenschaftsministerin mit Bettina Wulff mit Bastian Schweinsteiger mit Tätowierungen zu tun?

Nichts. Egal. Das  neue Deutschland mag locker sein und leicht. Vor allem aber schwer verblödet.

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