Wir haben eine Fahne

Manchmal gewinnt man den Eindruck, Journalismus sei dazu da, Fragen zu beantworten, die keiner gestellt hat und vor Gefahren zu warnen, die nicht existieren. In der Ankündigung der Sendung „Nachtgespräche“ des Deutschlandradios heißt es:

Fröhlich deutsch oder übertrieben – was halten Sie von nationalen Symbolen bei Großereignissen? Bei der vorigen Fußball-WM hat sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land normalisiert. Unbeschwert standen sie beim „Sommermärchen“ zu ihrer Mannschaft und zeigten nationale Symbole – wie Bürger anderer Länder auch. Jetzt, schon vor der WM in Südafrika und nach Lenas Sieg in Oslo fahren wieder Autos mit schwarz-rot-goldenen Flaggen herum, und allenthalben hört man: „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“. Wir fragen heute Nacht: Ist eine solche Aussage nicht etwas geschichtsvergessen? Wo hört die verständliche Freude auf, wo fängt unguter Nationalismus an? Was halten Sie von nationalen Symbolen bei Großereignissen?

Fast möchte man sagen: Der Redakteur, der diesen Text geschrieben hat, hat einen Klassiker der deutschen Psychose erschaffen. Nicht nur die Tatsachenfeststellungen sind alle falsch, sondern logischerweise dann auch die schwerwiegenden und drängenden Fragen, die sich für den Autor daraus ergeben. Ich habe in meinem ganzen Leben zu WM- oder EM-Zeiten nie etwas anderes erlebt, als dass, ausser ein paar Irre aus Kreuzberg und die Pfeife Günter Grass, „die Deutschen“ zu ihrer Fussballmannschaft standen. Und auch seit ewigen Zeiten geschah das alles andere als verkrampft.

Die Sendung ist übrigens ein zentraler Abwurfplatz für bedenkenträgerische Anmerkungen des Studienratsmilieus und man muss sie nicht gehört haben, um zu wissen, was dort gesagt wurde: Wir sind jetzt ganz unverkrampft mit unseren Symbolen. Lena. Löw. Locker.

Deutschland. Fahne. Patriotismus. Darf man das? Wer sind wir? Wo gehen wir hin? Kein Tag vergeht in Deutschland, an dem man nicht mit der unwichtigsten aller Fragen belästigt wird. Eine deutsche Obsession.

Nein, das ist ja gerade der Irrtum. Es ist ausschließlich die Obsession eines bestimmten Milieus in deutschen Redaktionen, Universitäten, Politikstuben, die sich unablässig an diesen Themenkomplex abarbeiten. Denn es hätte schon 2006 ein einziger Gang aus den Bürostuben auf die Strasse gereicht, um festzustellen, dass die angeblich neue deutsche Leichtigkeit im Umgang mit dem eigenen Land nicht existiert. Aber so ist das halt. Die Intelektuellen machen immer wieder den gleichen Fehler: sie verwechseln ihre Welt mit dem Rest des Landes, ihre Sehnsucht nach Erlösung vom nationalen Krampf ist dabei vielleicht eine interessante Selbstauskunft, wahrscheinlich aber einfach wurscht. Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass Mädchen sich schwarz-rot-gold einfach so auf den Bauch pinseln. Aus Spass und ohne Grundgesetzlektüre. Die deutsche Lockerheit: eine ewig-feuchte Nationalphantasie von Sugardaddies mit Hochschulstudium. Dumm ist nur, dass sie ihre Erlösungshoffnung auf unschuldige Bürger projizieren. Aber das machen Intelektuelle ja oft.

Die Behauptung der neuen Lockerheit war jedenfalls von Anfang an völlige Überhöhung, wenn nicht gleich eine Erfindung. Ungefähr so absurd, wie der Satz des Journalisten Hajo Schumachers, der behauptete nach Lenas Sieg hätte ein „Hauch von Bern“ (1954) in der Luft gelegen.

„Die Straße“, nennen wir das mal so, der viel zitierte „kleine Mann“, hatte ja nie dieses unfassbar drängende  Problem, das die Barings und Mattuseks und Merzens dieser Republik so umtreibt. Er hatte kein Problem mit „Deutschland“.  Er hatte nie das Problem: verdammt noch mal mal darf ich endlich wieder normaler Patriot sein? Und da es für die Menschen da draussen nie einen Deutschland-Komplex gab, ist die Fahne auch nicht Symbol für die Auflösung eines verkranpften Verhätnisses, sondern ein weiteres Accessoire bei dem, was sie halt gern machen: Party. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich habe eine DVD. Sie zeigt das Endspiel Holland-Deutschland 1974. Das gesamte Olympiastadion ist ein einziges schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer. Und war nicht bereits 1972 anläßlich der „Heiteren Spiele“ vom neuen, lockeren Deutschland die Rede?

2006 haben sich die Leute auch auf der Strasse halt noch ein bisschen mehr gefeiert und dabei noch ein bisschen mehr Fahnen geschwenkt. Die findige chinesische Nippes-Industrie tat ein übriges und erfand diese Autofahnen. Jedenfalls haben die Leute beim Fahnenschwenken wahrscheinlich  an alles gedacht, nur nicht an das Hambacher Fest oder an die Frage, ob hier gerade der „DM-Patriotismus“ oder der Habermas’sche „Verfassungspatriotismus“ eine Weiterentwicklung erfährt. Die Fahne war das Symbol für die Mannschaft, so wie die Bayern-Fahne das Symbol für die Van-Gaal-Truppe ist.

Dass nichts stattgefunden hat als eine Party, die in der deutschen Fahne (in was sonst) ihr Symbol fand, stand  schon 2006 im Oktober fest: Der deutsche Nationalfeiertag (3.10.), der ja nach den Vertretern der neuen deutschen Leichtigkeit und der deutschen Selbstversöhnung ein Exzess des Verfassungspatriotismus und neuen lockeren Fahneschwenkens hätte sein müssen – er fiel aus. So wie jedes Jahr.

Längst hatten die Leute ihre Fahnen in der Rumpelkammer oder im Mülleimer entsorgt. Von einem irgendwie neuartigen Zugang der Deutschen zu ihrer Staatsidentität, zu ihren nationalen Symbolen kann keine Rede sein.

Und weil das so ist, muss der „Deutschlandradio“-Redakteur, der klassische Trick in dieser unseligen Diskussion, Gefahren erfinden, die nicht existieren. Haben Sie im Zusammenhang mit dem nervigen Hippel-Mädchen aus Hannover oder Joachim Löw den Satz gehört: „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein?“

Ich nicht.

So wird ein Thema unendlich am Laufen gehalten, von dem man gleichzeitig behauptet, es sei – mittels finaler Erlösung 2006 – abgehakt.

Ein Phänomen, das nicht existiert und das man nicht diskutieren muss, eine Gefahr die es nicht gibt und vor der deshalb auch nicht gewarnt werden muss. Ein Hauch von Schwachsinn liegt in der Luft.

Ein paar Tage vorher wurde in der Studienratssendung übrigens das Thema Israel und die Enterung der „Friedensaktivisten“-Dampfer erörtert. Wie erwartet, war es da vorbei mit der neuen deutschen Lockerheit und die Studienräte liessen ordentlich die Sau raus. Denn einen Stolz gibt es wirklich in Deutschland. Den auf die vorbildliche deutsche Vergangenheitsbewältigung. Sie sind stolz, die besten Vergangenheitsbewältiger aller Zeiten zu sein, die bescheidenen Deutschen mit ihrer neuen Lockerheit. Tenor: Wir haben unsere Lektion gelernt. Im Gegensatz zu den Juden.

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5 Antworten zu Wir haben eine Fahne

  1. MG schreibt:

    Richtig,JK wie immer!Mich nerven diese herbeiphantasierten ‚Gefahren‘
    dieser Schwätzer schon lange.
    Mein Tipp: Die Herren Studienräte sollen eine Selbsthilfegruppe gründen.
    Dort können sie dann während der WM im Stuhlkreis alle ihre eingebildeten
    ‚Ängste‘ bereden („Was macht diese WM mit dir? Und wie gehst du damit um?“).

  2. Wolter schreibt:

    Hehe :-D, dieser Sichtweise kann ich im Großen und Ganzen eigentlich wenig widersprechen.

    Auf die Gefahr hin, der Korinthenkackerei und Erbsenzählerei bezichtigt zu werden, erhebe ich aber einen kleineren Einwand, für den ich aber etwas weiter ausholen muß:

    Zwischen dem linxliberalen juste milieu, aus dem sich die obsessiven Dauerbedenkenträger in „gesellschaftskritischen“ Redaktionsstuben, SDS-epigonalen ideologiegeschwängerten Universitäts-ASten und GEW-verseuchten Lehrerkollegien ihren Nachwuchs rekrutieren einerseits, und der „Straße“ mit den von teutonischer Gedankenschwere eher unbelasteten Menschen andererseits gab und gibt es durchaus eine gewisse – wenn auch kaum nach wissenschaftlichen Kriterien quantifizierbare – Wechselwirkung. Woran ich sie dennoch festmachen will, möchte ich am auch erwähnten Beispiel aus der Fußballwelt zu zeigen versuchen.

    1974, schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer im Münchner Olympiastadion: man ging zum Stadion, entrollte die Deutschlandfahne, wie man als Fußballfan sonst die Vereinsfahne entrollt, feuerte die eigene Mannschaft an, bejubelte den Sieg gegen die Niederlande, rollte die Fahnen ein, verließ das Stadion und ging nach Hause (oder in die Kneipen), um weiterzufeiern.

    Eine (zeitlich auf die Dauer der WM begrenzte) Dauerpräsentation der deutschen Farben außerhalb der Stadien (bzw. abseits von „Fanballungen“ in Stadionnähe) gab es damals, behaupte ich, nicht. Inwieweit dies mit der – damals immerhin in der Öffentlichkeit sehr präsenten, 1968 war ja noch ganz frisch – linken „Gesellschaftsproblematisierung“ zusammenhängt, läßt sich 36 Jahre später natürlich schwer abschätzen, zumal die Fußball-Fanszene sich noch nicht so weit zur bürgerlichen Mitte hin geöffnet hatte; mit anderen Worten: die Akademiker, und zumal die „gesellschaftskritischen“ unter ihnen, waren damals unter den Fußballfans eine fast schon vom WWF zu schützende Minorität. Es wäre aber nicht völlig auszuschließen, daß auch damals, wenn auch von jeglicher formulierbarer Bedenkenhuberei befreit, gewissermaßen als sehr periphere Ausläufer einer 68er-studentischen erdbebenepizentrischen Nationalitätsinfragestellung auch im „Volk der Straße“ auf subkutan-emotionaler Schiene eine (aber weiter nicht begründbare) Befangenheit beim Umgang mit deutschen Farben etc. außerhalb von Fankultur-Kontexten herrschte. Abgesehen davon, daß spätestens damals innerhalb der journalistischen Berufsgilde zahlenmäßig die linke Dominanz begann und die linksinfiltrierten Medien auch von „einfachen Arbeitern“ konsumiert werden, sind jene Endverbraucher im Berufsumfeld ja hin und wieder mit einem vom „Zeitgeist“ beeinflußten Chef konfrontiert…

    Und das scheint sich 2006 nach meinem Eindruck durchaus geändert zu haben: Schwarzrotgold-Moden haben zwar weiterhin anläßlich Fußball-WMs und EMs ihre Höhepunkte (Dauermode wäre übrigens fad, das kann also ruhig so bleiben), aber innerhalb dieser euphorisierten Wochen gibt es a) die räumliche Beschränkung auf die Austragungsorte mit ihren Umgebungen und b) und die schichtenspezifische Beschränkung aufs „proletarische Milieu“ nicht mehr.

    Und gerade b), also der entkrampfte Umgang mit deutschen Symbolen in Milieus, die früher als (m.o.w. auch dafür empfängliche) Zielgruppen für die „antifaschistischen Moralpredigten“ herhalten mußten, zeigt eben doch eine begrüßenswerte Veränderung in unserem Land!

    • jostkaiser schreibt:

      ich denke beide phänomene – mehr fahnen heute, weniger fahnen damals – wurzeln im diffusen bereich der mode. menschen machen sowas, weil es angesagt ist. warum ist es angesagt und lassen dinge, weil sie nicht angesagt sind.warum? keine ahnung. nur eins behaupte ich: in der diffusen gemengenlage spielt sowas wie „neue lockerheit“ heute oder „nationaler krampf“ damals eine untergeordnete rolle. das sind kategorien der geschichtsschreibung, ex-post. sicher gab es damals in bestimmten mileus eine linke dominanz. aber man darf das nicht mit der grundströmung verwechseln. „die linke“ war gegen die kleinfamilie – die menschen haben weiterhin kleinfamilien grgründet. „die linke“ war gegen konventionelle erziehung – nur ein bruchteil der menschen wurde antiautoritär erzogen. und heute? aus irgendwelchen gründen ist das heute schick mit der fahne. ich habe leute schon drauf angesprochen, ob das denn die „neue lockerheit“ ist. die haben mich angeguckt, als sei ich vom anderen stern. alles projektion. das ist so, als hätte man die leute auf dem „weltjugendtag“ gefragt, ob sie gute katholiken sind. sie sagen dann ja, und poppen auf der nächsten wiese, was jeder idee von katholizismus widerspricht. in wahrheit ist es so, dass sie es „irgendwie geil“ finden. warum auch immer. es gibt ein grosses bedürfnis nch happening und sich selbst feiern. warum auch nicht.

  3. Wolter schreibt:

    Nach der weltbewegenden teutschen Selbstbefragung, die hier Anlaß zur Meta-Reflexion darüber gegeben hatte, setzen die immerhin noch intelligentesten Sender in unserem Sprachraum das politisch korräckckte Nachdenken über Fußball, Patriotismus und Feiern-Dürfen heute Abend fort:

    DRadio Kultur, 11. 06. 2010, 19.07, Wortwechsel
    Kriege, Krisen, Katastrophen – Dürfen wir trotzdem vier Wochen Fußball feiern?
    In den nächsten Wochen werden sich wieder viele Menschen weltweit dem Terminplan der Fußball-Weltmeisterschaft unterordnen. Langsam steigt schon das Fieber – flächendeckende Präsenz des Themas in den Medien heizt den Hype ordentlich an. Die Euphorie wird zusätzlich durch gezielte Angebote schwarz-rot-goldener Devotionalien gestärkt. Doch können wir angesichts der aktuellen Krisen, Kriegen und Katastrophen mit ruhigem Gewissen Fußball feiern? Braucht Südafrika tatsächlich moderne Fußballstadien? Vier Wochen Spektakel als Opium fürs Volk?
    Mit dabei: die teutsche Bundesbetroffenheitsbeauftragte Claudia Roth (hier tritt sie als Mitglied des „Umweltbeirats des Deutschen Fußballbundes (Berlin)“ auf; der Laie staunt, und der Fachmann… äh… auch).

    DLF, 11. 06. 2010, 19.15, Dossier
    Fußball-Talk mit dem Sportphilosophen Gunter Gebauer, dem Soziologen Detlev Claussen und dem Patriotismusforscher Volker Kronenberg

    Klüger wird man wahrscheinlich aus den Gedanken, die sich die Herrschaften im Deutschlandfunk machen – man sollte den Sender aber auch deshalb einschalten, weil die Sicherheit, daß es das Dossier später auch noch als Podcast geben wird, kleiner ist als beim Wortwechsel.

    ____________
    P.S.: Vorgestern habe ich auch eine länger Erwiderungs-Erwiderung geschrieben – die schien mir dann aber etwas zu prätentiös, deshalb lagert sie sinnlos auf meiner Festplatte herum. Wenn es noch ein paar mehr Wortmeldungen gegeben hätte, hätte ich weniger Bedenken, noch einmal meinen Senf hinzuzufügen…

  4. Katja K. schreibt:

    Die von Dir erwähnte „Projektion“, Jost, ist das Stichwort, in dem doch alles zusammenfließt. Das Schwarzrotgold ist eine wunderbar geölte Imaginationsmaschine, die mit allerlei prersönlichen Traumata aufzuladen ist. Sie wird in der Tat fast weniger „politisch“, als vielmehr „psychologisch“ gebraucht/genutzt. Also: Es ist doch vor allem ein sozialpsychologisches Trost-Ding, und zwar für beide Seiten: Sowohl für den vielleicht etwas trotteligen Fußballwimpelschwenker, als auch für denautoritär gestrickten so called Autonomen – oder den nicht minder autoritär gestrickten „Ausländer raus“-Arschloch-Nazi – alle drei können sich punktuell an der Fahne „lebendig“ fühlen und können sie wie sich selbst mit einer gewissen Bedeutung versehen. Das Schwarzrotgold ist die meistgebrauchte Waffe in den Disziplinen Schaukampf und Scheingefecht. Und vielleicht ist sie genau damit das bindende Glied. Vielleicht ist sie das Pendant zur viel zitierten farnzösischen Streikkultur. Erst nachträglich fällt mir übrigens auf, dass der Wimpel zuletzt in Altona kaum eine Rolle spielte. Die Leute haben draußen Fußball geguckt und gejubelt, an allen Ecken – aber kaum irgendwo gab’s dieFahne zu sehen. Das habe ich jetzt erst richtig wahrgenommen, als ich die Fotos vom 4:1 gg England (auf meinem Blog) noch mal betrachtet habe.

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