Der Quatsch mit dem BuPrä – Plädoyer für Orientierungslosigkeit

Das Unheil hatte sich angekündigt. Es war vor zwei, drei Monaten, als sich – beängstigend einheitlich – alle deutschen Top-Kommentatoren auf den armen Horst Köhler stürzten, um ihn fertigzumachen. Ein „Schlossgespenst“ sei der Mann, er gebe dem deutschen Volk keine Orientierung, jetzt, wo das so dringend notwendig sei (warum eigentlich?).

Er sei sprach- und begriffslos, ein Versager im höchsten und schönsten Amt, das – nur diese Knarre können deutsche Großkommentatoren begrüßen – „das Wort als Waffe“,  zur Verfügung habe. Aber Horst hatte keinen Waffenschein und zog es vor – völlig verständlich – den Mund zu halten. Was hätte er auch sagen sollen?

Die x-te Bankenkritik, irgendwas gegen Gentechnik, irgendwas gegen Krieg? Nein, das braucht es nicht, denn das wird in Deutschland ununterbrochen erzählt.

In Wahrheit war die Kommentatorenkampagne gegen Köhler die Selbstauskunft einer Branche, die – in bester deutscher Tradition – von der reinen Macht angeekelt ist und irgendwas Erbauliches, Schönes hören will. Wo die Welt voll Waffen ist und es um pure Macht geht, da wird der Kitsch vom „Wort als Waffe“ gepredigt. Und die eigene Orientierungslosigkeit auf den Mann in Bellevue projiziert. Es war eine Aktion von Sonntagsrednern, die sich darüber aufregen, dass ein anderer Sonntagsredner begrüssenswerterweise das Sonntagsreden eingestellt hat.

Die ganze Orgie der letzten Tage vom Versager-Horst ist eine deutsche Operette.

Klar, Orientierung ist nie genug und wahrscheinlich wird ihr Nicht-Vorhandensein und ihr Verfall beklagt, seit es menschliche Gesellschaften gibt.

Die harte Währung der Politik ist Macht. Der, der keine Macht hat wird – zurecht – nicht ernst genommen. Er ist eigentlich überflüssig. Und dort, wo sie Macht haben, haben Bundespräsidenten regelmäßig versagt. Zweimal, 1982 und 2005 sollte mittels fingierter Vertrauensfrage das Parlament aufgelöst werden. Zweimal haben Bundespräsidenten mitgemacht. Da fragt man sich: Wenn er nicht wenigstens Verfassungshüter ist, welche Rolle hat der Bundespräsident dann?

Darüberhnaus: die Idee, der Bundespräsident möge doch Orientierung geben, ist mindestens eine für die pluralistische Gesellschaft problematische Idee. Ich jedenfalls brauche keine Orientierung, schon gar nicht vom Bundespräsidenten. Und die Politiologie und Staatstheorie weist die Aufgabe der Meinungsbildung und der politisch-geistigen Orientierung den Parteien und den sogenannten vorpolitischen Organisationen, also Kirchen, Gewerkschaften, ADAC, BDI, DGB zu.

Für Orientierungsreden – und das heisst in Deutschland sowieso fast aussschließlich Kapitalismus- und Modernekritik – gibt es den Kirchentag, für Gesetze den Bundestag. Insofern bliebe, das kann man wirklich so sagen, als rethorisches Betätigungsfeld für den Bundespräsidenten wirklich nur Technikbegeisterung, Kapitalismusverteidigung und auch ein Definitionsversuch deutscher Interessen als Mittelmacht. Letzteres hat Köhler, leider unbeholfen, zuletzt versucht. Die Richtung stimmte.

Aber wahrscheinlich ist schon die Idee der der „großen Rede“ ein Irrtum. Es ist eine Tatsache, dass es – bis auf einmal – die große Wegweisungsrede eines Bundespräsidenten, die das Land erschüttert, nie gegeben hat. Die meisten Männer in der Villa Hammerschmidt/Schloss Bellevue haben ordentliche Arbeit abgeliefert. Sie haben auf Trauerfeiern gesprochen, Bälle gegen die Torwand gehämmert und ansonsten der freiwilligen Feuerwehr und Inge Meisel Orden übergeben. Und das ist okay so.

In Erinnerung geblieben sind über 60 Jahre Bundespräsidenten-Geschichte nur eine wirklich grosse Rede (die vom 8.5.1985) und ansonsten Soundbytes, Fragmente. Da war Heinmnanns Wort „Ich liebe nicht ein Land, sondern meine Frau“ oder die urkomische Anweisung an Soldaten „Dann siegt mal schön“ (das sollte heute einmal einer sagen, das fände ich gut).

Da war Scheels Satz auf der Schleyer-Trauerfeier, er entschuldige sich im Namen des deutschen Volkes bei der Schleyer-Witwe. Das war’s. Keine große wegweisende Rede weit und breit. Die Herzog-Ruckrede, eine Ansammlung zeitgenössischer Plattitüden aus dem semantischen Arsenal eines Motivationstrainers –  eine Travestie auf die 90er Jahre, ist exakt ein Beispiel dafür, was für eklige Dinge passieren, wenn einer den großen Wurf landen will.

Auch Weizsäckers Parteienkritik, damals von orientierungssüchtigen Kommentatoren bejubelt: eine Peinlichkeit. Ausgesprochen von einem Mann, der sein ganzes Leben in der CDU verbracht hatte und alles, was er wurde, dieser Partei zu verdanken hatte. Noch dazu bediente Weizsäcker das immer und sofort abrufbare Ressentiment gegen „die da oben“ zu denen er selbst gehörte. Genauso hat es Köhler gemacht: Sein Wort vom Markt als „Monster“ war nicht die aufrüttelnde, neue, ungewöhnliche Sicht der Dinge, sondern ist die ewige Einheitsmeinung im Land des Antikapitalismus. Da hätte er besser geschwiegen.

Wenn uns also die Erfahrung sagt, dass es sie nicht gibt, die große wegweisende Rede, und wenn die Chance, dass sie kommt so gross ist wie die Chance, dass Schalke oder Leverkusen Meister werden – warum wird sie dann trotzdem gefordert?

Die Idee des „Mahners“, der „unbequeme Wahrheiten“ ausspricht und der den Mächtigen den „Spiegel vorhält“ ist eine Kitsch-Phantasie und eine spießige und nervige Masche, mit der das sozialdemokratische Kabarett seit Jahrzehnten seine Gesinnungsabgreife betreibt.

Das angeblich „Unbequeme“ ist dabei immer das Bequemste und Abgestandenste. Meistens dreht es sich dabei um Reden wider der Hast der Zeit. Dass früher alles besser war – das weiss ich selbst. Und bezweifle es sofort.

Das ist es, wonach es in diesem Land offensichtlich ein unstillbares Verlangen gibt. Die folgenlose, maulende Zivilisations- und Kulturkritik, die nochmal vorbringt, was eh schon im Land gedacht wird.

Diese Jobbeschreibung des Bundespräsidenten, wie sie seit Tagen von der Kommentatoren-Elite vorgebracht wird, ist eine ernüchternde Selbstaukunft des Top-Journalismus. Sie langweilen sich. Sie wollen ein bisschen wohlfeiles Gerede. Sie sind diejenigen, die unablässig Orientierung einfordern, in der berechtigten Hoffnung, dass sie nicht kommt, wodurch man sie dann wieder pompös im Grundsatzartikel einfordern kann. Sie fordern etwas ein, was keiner braucht, außer ihnen selbst.

Die Unmöglichkeit der großen Orientierungsrede von oben, an der seit Weizsäcker alle gescheitert sind – ein gutes Zeichen für eine pluralistische Gesellschaft. Und so stellt sich die Frage, ob das Dilemma nicht in den Personen, die es ausfüllen, sondern im Amt liegt.

Es ist wie immer. Den Leuten ist das alles relativ egal. Sie mochten Horst Köhler ganz gern. Nicht mehr und nicht weniger. Sie brauchen keine Orientierung. Sie haben wichtigere Probleme.

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7 Antworten zu Der Quatsch mit dem BuPrä – Plädoyer für Orientierungslosigkeit

  1. Katja K. schreibt:

    Die „Politik“ um die Politik in den (politischen) Feuilletons …. tja. Auch dort (im so called Top-Journalismus) geht es um Macht – deswegen können die das so nicht aufschreiben, nicht so klar und präzise wie Du es hier tust. Keine so called Macht zu besitzen (und bewahren zu müssen) macht den Kopf wesentlicher schneller & freier.

  2. Detlef Simon schreibt:

    Zitat: „Und die Politiologie und Staatstheorie weist die Aufgabe der Meinungsbildung und der politisch-geistigen Orientierung den Parteien und den sogenannten vorpolitischen Organisationen, also Kirchen, Gewerkschaften, ADAC, BDI, DGB zu.“

    Zumindest die Aufgabenverteiler, Politilogie und die Staatstheorie scheinen ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden. Und natürlich die, die die Politologie und die Staatstheorie dazu ermächtigen, die Aufgabe der Meinungsbildung zu delegieren.

  3. earthwitch schreibt:

    Ich habs nicht so mit Politik. Ja, damals, als ich grad 18 wurde und stolz war, endlich wählen zu dürfen… Bis ich dann merkte, dass es nicht viel bringt. Die Volksvertreter vertreten das Volk nicht, treten es höchstens in das verlängerte Rückrat, bei einer Wahl darf ich mich nur zwischen Pest und Cholera entscheiden… nein, ich bin nahe dran, mir eine Monarchie herzuwünschen, so eine ganz alte, wo der König geopfert wird, wenn die Ernte nicht gepasst hat…

    Den Köhler, den mochte ich ganz gern. Eben weil er NICHT großartige Reden und Versprechungen (versprechen kann man sich ja mal) von sich gegeben hat. Weil er teilweise tatsächlich ein wenig ratlos schien. Ich hab sie so satt, die Schönredner und Schuldverschieber.

    Als Bundespräsident musst du also Rhetorikakrobat, Motivator und Entertainer sein. Keine Angst, so Eine(n) werden wir schon bald bekommen. Der oder die macht dann rein sprachlich aus Sch… noch Bonbons und das Volk ist wieder zufrieden.

    Ist es das?

    Ich fürchte, im Untergrund gärt mehr, als unsere Führung sich eingesteht.

  4. Thomas K.-B. schreibt:

    Na ja, so kann man das auch sehen, aber die Argumentation ist doch ein wenig dünn. Dass man sich wünscht, der Bundespräsident – das höchste Amt im Lande – möge auch als moralische Instanz fungieren, das ist ja kein schlechter Wunsch. Warum soll jemand, der aus der Tagespolitik heraus und hervorgehoben ist, nicht kritisch über dieser stehen, über diese mit durchdachten Denkanstößen wachen? Gewiss ist viel Populismus dabei gewesen, viel Widersprüchliches in der Parteienkritik (das Beispiel von v. Weizsäcker spricht Bände), und doch war eben dieser Mann der renommierteste Bundespräsident, und das hat der Bundesrepublik im Ausland genützt. Und wenn es im Ausland nützt, besteht zumindest die Chance, dass es auf das Inland zurück wirkt. Dass in Deutschland solche Feste wie das „Sommermärchen“ gefeiert werden können, das geht auch auf Personen mit diesem Format zurück.
    Wir haben lange gebraucht, bis wir uns selbst akzeptieren konnten. Wir haben die Hilfe einiger unserer Präsidenten gebraucht. Andere haben in der Tat hauptsächlich Orden verteilt und Schirmherrschaften abgesessen.

  5. Katja K. schreibt:

    Was im Raum stehen bleibt, bislang unbeantwortet, wie mir scheint: Wieso hat er nun hingeschmissen? Tatsächlich wegen „Beleidigtseins”? Und wie würde sich eine solche Logik der beleidigten Leberwurst in das alles einfügen?

  6. Bredenberg schreibt:

    Mein Fazit: Bundesversammlung und das Amt des Bundespräsidenten sollten abgeschafft werden. Das spart Geld und Nerven. Die Funktion des Bundespräsidenten kann vom Bundestagspräsidenten übernommen werden, der im Rahmen einer repräsentativen Demokratie als Präsident der Volksvertretung quasi “natürliches” Staatsoberhaupt ist. Die Zeit der Kaiser und Ersatzkaiser ist vorbei.

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