Der Terror des „ganzen Menschen“

Der Fall Enke, so wird ununterbrochen behauptet, lehre uns, dass der „ganze Mensch“ mit „all seinen Schwächen“ im Mittelpunkt stehen, akzeptiert, ja wenn nicht sogar geliebt werden müsse. Immer und überall. Sonst drohe Ungemach. Das Gegenteil ist der Fall: Bürgerliches Leben heißt ein Leben in verschiedenen Rollen. Und gerade diejenigen, die diese Rollen nicht unterscheiden können, sind genau die, die einen so nerven. Job ist nicht privat. Privat nicht Job. Doch seit neuestem wird diese völlig notwendige Rollenverteilung als „Doppelleben“ angeprangert. Wo bleibt denn da der „ganze Mensch“? Hoffentlich zuhause. Denn alles andere würde man nicht ertragen.

Abgesehen davon, dass, wie alle Forderungen in diesem Fall, auch diese gottseidank völlig folgenlos bleiben wird, so muss man sich den Horror doch einmal vor Augen führen, den der „totale Mensch“ in all seinen Facetten mit „all seinen Ängsten“ bedeuten würde, wenn man ihm begegnete. In der U-Bahn. Im Job. Beim Sport. Überall wäre man konfrontiert mit „dem ganzen Menschen“ mit „all seinen Schwächen und Ängsten“.

Es ist ein großer Vorteil der bürgerlichen Gesellschaft, dass der „ganze Mensch“ nirgendwo verlangt wird. Wir würden uns hoffentlich dagegen verwehren. Unser Dasein in dieser hochkomplexen Gesellschaft teilt sich auf in viele Rollen, die wir abwechselnd einnehmen. Die Rolle im Beruf, in dem es auf Kompetenz oder deren Vortäuschung ankommt, ist notwendigerweise eine andere als die in der Familie, als Vater oder Mutter, als Ehemann, Ehefrau, als Freizeitmensch oder als Verkehrsteilnehmer.

Doch der Schmerz über diese Aufteilung und die damit einhergehende Entfremdung von der „Natürlichkeit“ steht schon an der Wiege des deutschen Bürgertums. Nirgendwo wurde die Trennung zwischen privat und öffentlich einerseits so hart erstritten, andererseits so erlitten. Der deutsche Anti-Amerikanismus speist sich nicht zuletzt aus dem Überlegenheitsgefühl gegen eine als oberflächlich und hohl angeprangerte amerikanische Gesellschaft, in der dieses Rollenspiel selbstverständlicher war und  ist.

Die Idee, die Entfremdung aufzulösen, zumeist in der Naturbetrachtung und dem Naturerlebnis, das ist der Stoff der deutschen Romantiker. Wiederaufgegriffen wurde die Idee von den 68ern und den Hippies, die beide Bürgerlichkeit verachteten, gleichzeitig aber aus ihr kamen und die beide in Wahrheit eine Neuaflage der deutschen Romantik darstellten.

Das Wiederaufkommen der Idee des „ganzen“, nicht entfremdeten Menschen durch den Fall Enke läßt also tief blicken in die bis heute mit der Idee westlicher Bürgerlichkeit nicht versöhnte deutschen Kollektiveele. Übrigens, ein Nebenaspekt in diesem Zusammenhang: Genau deshalb, weil sie an denselben Symptomen im kleinen leidet, wie die Deutschen insgesamt: Deshalb ist die SPD die deutscheste aller Parteien. Und auch – entgegen der landläufigen Sprachregelung – die bürgerlichste.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Der Terror des „ganzen Menschen“

  1. rp_ schreibt:

    Jost, die Söhne und Töchter aus „bürgerlichem Haus“, die einen Einstieg in irgendeine Sparte der sog. Kreativindustrie wagen, können dir sicher was erzählen von der Rhetorik über den „ganzen Menschen“, der in den neuen Berufen gefordert sei. Oder auch die Castingshow-Kandidaten, die sich vor der Jury in fast marxistisch-leninistischer Selbstbezichtigung üben müssen. O-Ton eines Jurymitglieds: „Du, ich habe den Eindruck, das auf der Bühne warst nicht du selbst!“

    Was die US-Hippies betrifft in den 60ern und 70ern: Gängiges Vorurteil ihnen gegenüber war, dass es sich um bürgerliche Aussteiger handelt. Die meisten Kollektivexperimente in irgendwelchen Indianderzelten gingen auch gründlich schief – wegen des tief sitzenden Individualismus der Sinnsucher. So selbstverständlich ist die Rollenaufteilung auch in den USA nicht.

    Die Gemeinsamkeiten der Gegenkultur mit deutschem Gemeinschaftswahn verflüchtigen sich, wenn man genau hinschaut (so man das will).

  2. ekg schreibt:

    Ich finde ja, anders als Sie, dass ‚der_ganze_Mensch‘ z. B. in der U-Bahn oder an S-Bahn-Stationen in seiner Rolle als ‚ganzer‘ Mit_mensch durchaus gern gesehen wäre – etwa zur Prävention vor persönlichen Katastrophen der unmenschlicheren Art. Die Dinge sähen wahrscheinlich anders aus, wenn der arbeits_geteilte Mensch noch auf alle seine Optionen zurückgreifen würde, anstatt sie vom Zeitgeist schleifen zu lassen.

    Den ‚Terror‘, der mir der Horror ist, machen die Medien; liessen sie die Menschen in Ruhe (trauern), wären sie vielleicht auf vertretbare Weise noch ‚ganz‘ …

  3. pk schreibt:

    Ach ja – Schrödinger und Heisenberg sind Schuld.
    Ansonsten hätte die Ganzheitlichkeit noch nicht einmal Bezug zur Naturwissenschaft.
    Der Punkt ist halt: Enke fehlt nun als Torwart, obgleich er in dieser Rolle gar nicht gescheitert ist.

    Was würde Descartes denn nun sagen? Kann er ein D streichen?
    („Ich Enke, also bin ich.“)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s